Neues aus dem Debattierclub: Angie packt aus

In letzter Zeit war es still geworden im Debattierclub der Alemannen, wobei das Wetter keineswegs eine Rolle spielte, da hier oben im Reich der Wolken und des Schöpfers alle irdischen Belange niemand mehr taxierten, und somit Prognosen ohne Bedeutung waren. Der hohe Besuch des 42. Präsidenten der USA lag schon eine Weile her, so daß die Kanzlerrunde noch eine ganze Weile darüber sich austauschen konnte.

Nein, irgend etwas stimmte nicht mit Angie, selbst Ludwig und Kurt Georg brachten nichts in Erfahrung, weil der Dicke sie doch eindringlich darum gebeten hatte. Und Gerhard grinste nur vor sich hin, offensichtlich hocherfreut, daß manche Banalitäten nicht mehr den Alltag belasteten, wie er ansonsten des öfteren bemängelt hatte. Doch wer sollte die Nummer Acht der Bundeskanzler dazu bewegen können, daß sie sich endlich öffnete? Etwa ausgerechnet Konrad, das großväterliche Urgestein, wenn schon der Dicke es nicht hinbekam?

Willy saß ziemlich bequem auf der Couch, las aufmerksam mal zur Abwechslung kein politisches Buch, was sonst üblicherweise ihn am meisten interessierte, sondern war vertieft in Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“, welches er sich hier oben zum zweiten Mal jetzt gönnte. Daher bemerkte er auch nicht, daß Angie vorsichtig und ein wenig verlegen sich zu ihm setzte. Erst als sie plötzlich aufschluchzte, zuckte er irritiert zusammen und musterte sie flüchtig.

„Na, was führt dich denn hierher, meine Liebe? Und warum so aufgelöst?“, fragte er sichtlich beunruhigt, um ihr umständlich ein Taschentuch zu reichen. Angie nahm es mit dem Kopf nickend dankbar an und räusperte sich unmerklich, bevor sie vorsichtig antwortete.

„Weißt du Willy, ich trau mich gar nicht, darüber zu reden. Viel zu lang schon wälze ich die Problematik von der einen Seite zur nächsten. Egal wie ich es drehe und wende, ich brauche unbedingt den Rat eines erfahrenen Politikers. Konrad hat sowieso den Anschluß verloren, aber bitte behalte meine Äußerungen für dich“, bat sie den SPD-Mann eindringlich und drückte dabei herzhaft dessen linke Hand als Zeichen ihrer tiefen Verbundenheit, die so völlig untypisch war für die ansonsten herrisch wirkende ehemalige Bundeskanzlerin, und nunmehr den vierten Bundeskanzler erstaunte. Dieser unterbrach sie daher auch gleich voller Verständnis.

„Aber Angie, wenn wir auch sehr oft anderer Meinung sind, du weißt genau, daß ich mitnichten Anvertrautes weitergebe im Gegensatz zur Plappertasche Gerhard, dem das schon mal passieren konnte, oder?“ Die Hamburgerin grinste ein wenig erleichtert, um im nächsten Moment wieder mit ernster Mine fortzusetzen.

„Niemals hätte ich mir erträumen lassen, gleich drei mal in den Deutschen Bundestag als Kanzlerin einzuziehen. Ganz besonders frage ich mich jetzt, warum die Bürger trotz meiner harten Haltung zu Griechenland, Portugal, Spanien und schließlich zu Italien mich wiederwählten. Und was denkst du, wer mir eine schlüssige Erklärung gab, ohne es selbst zu wissen?“, fragte sie Willy und blickte ihm direkt in dessen erstaunte Augen.

„Also, wenn du mich so fragst“, begann er, schaute kurz um sich, ob nicht doch jemand heimlich lauschte und fuhr fort, „dann kann es nur einen geben, der dir das begründet hat, nämlich der Hanseat, stimmt’s?“ Ein breites Grinsen bestätigte seine Äußerung.

„Sehr gut, Willy. Helmut hat halt die begnadet tolle Eigenschaft, manchmal in kurzen, trockenen Worten Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen. So ganz nebenbei erzählte er neulich über seine Bilderbergertreffen, als ich ohnehin mal wieder über mein Problem am Sinnieren war. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Na klar doch, wir konnten den Bürgern quasi alles verkaufen, sie schluckten jede Kröte, Hauptsache wir Politiker wurden mediengerecht vermarktet, und die Wirtschaft bediente sich nach Herzenslust, weil niemand sie ernsthaft aufhielt. Wir selbst sorgten bekanntlich schon dafür.“

Wer jetzt vermutet hätte, die Stille, die daraufhin eintrat, würde länger anhalten, der verkannte wohl die Situation. Was nämlich die beiden auf der Couch sitzenden nicht wissen konnten, war der Umstand, daß des abends zuvor ein Richtmikrophon installiert worden war, und zwar nicht etwa, um hier jemanden heimlich zu belauschen, sondern weil eine Diskussionsrunde stattgefunden hatte und das versammelte Publikum auf diese Weise dem Geschehen akustisch besser folgen konnte. Lediglich Konrad und Ludwig waren dabei gewesen, die anderen halt nicht. Genau deshalb folgte plötzlich ein Räuspern, ein wenig Geplauder und jemand klatschte sogar kurz Beifall. Jedoch war das vermeidliche Publikum nicht zu sehen, da der weite Raum im Dunkeln lag, während die Couch und die beiden Kanzler im hellen Lichtkegel saßen. Allerdings erahnten sie schon, daß es sich um die anderen sechs Kollegen nur handeln konnte.

„Na, dann tretet doch mal näher, ihr Gauner“, forderte sie Willy lachend auf und Angie stimmte sichtlich erleichtert frohgemut zu. Gerhard ergriff als erster das Wort, aber nicht ohne sich schnell genüßlich eine Zigarre anzustecken.

„Hehe, Angie, na, der Knoten endlich geplatzt? Das Fußvolk braucht doch nur Beschäftigung mit ganz viel Ablenkung vom eigentlichen Geschehen, oder?“, fuhr es aus ihm heraus. Die Runde nickte anerkennend, obwohl der Hanseat weltmännisch noch hinzufügte, „Solange die Bildung sich gänzlich nach den Stellschrauben der Weltwirtschaft fügt, funktioniert dieses sehr alte strategische Konzept.“

Niemand widersprach. Eine Weile lang saßen und standen sie noch zusammen, so manche Anekdote wurde zum Besten gegeben, das Gelächter war in den Weiten des Himmels zu hören, und keiner störte sich daran. Hier oben herrschte göttlicher Frieden, während unten auf Erden die Menschheit weiterhin versuchte, ihr verlorenes Paradies zu finden.

Ihr

Lotar Martin Kamm

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