USA-Wahlkampf: zwischen Glamour, Glauben und heuchlerischer Moral

13.07.12

Blenden wir doch einfach mal für einige Augenblicke die reichlich mediengesättigte Wirklichkeit des US-amerikanischen Wahlkampfes aus und betrachten ziemlich nüchtern die politische Bilanz dieser bröckelnden Supermacht. Dem wachen und humanen Geist können da nur noch die Haare zu Berge stehen, wenn man das weltweite Desaster betrachtet, was in großen Teilen die USA mit zu verantworten hat.

Dem kann sich auch ein Barack Obama nicht entziehen, selbst wenn immer noch so manche Sympathiepunkte ihm gegeben werden, was angesichts des republikanischen Mormonen Mitt Romney nicht weiter sich schwierig gestaltet, muß dieser doch dem amerikanischen Volk glaubhaft erläutern, wie er den Spagat zwischen Armut, wirtschaftlichen Aufschwung bei gleichzeitiger Bewahrung sozialer Standards meistern möchte. Genau in diesen Wahlkampfzeiten hilft ganz nach US-amerikanischer Lebensweise der Glamour, in dem auch Glaubensfragen mitschwingen, die obendrein heuchlerische Moral geschickt verdecken. Viel Show mit wenig Inhalt, Hauptsache das Volk läßt sich ablenken?

 

Rückblick auf Barack Obamas bisherige Amtszeit

Dem ersten farbigen und 44. Präsident in der US-amerikanischen Geschichte wurde mit seinem Amtsantritt am 20. Januar 2009 eine sehr hohe Erwartungshaltung zuteil, zumal nach konservativer Politik der achtjährigen Bush-Ära die Menschen glaubten, es würde sich zugunsten des sozialen Friedens vieles verbessern. Dabei haben die US-Bürger scheinbar übersehen, daß der Unterschied zwischen den beiden einzigen politischen Parteien nicht entscheidend groß sich gestaltet, um wirklich durchgreifende Änderungen hervorzurufen, wenn wir bedenken, daß die reichste Industrienation inzwischen zu einem Billiglohnland mit großer Armut verkommen ist.

Muß er sich dem Vorwurf stellen, es allen recht gemacht zu haben, so daß am Ende eine bittere Enttäuschung verbleibt, weil die damit verbundenen Kompromisse nicht wirklich nützlich sich für Betroffene gestalten? Trotz des zu Beginn seiner Amtszeit verabschiedeten American Recovery and Reinvestment Acts konnte die anhaltende Arbeitslosigkeit eben nicht verhindert werden. Seine bereits im Wahlkampf angekündigte Gesundheitsreform setzte er nach heftigen Debatten und Widerständen durch Kompromisse und Änderungen um, wobei sich dennoch alle Welt die erstaunte Frage stellt, wieso all die Jahrzehnte zuvor diese reiche Nation den Gesundheitsschutz dermaßen vehement verhinderte. Jetzt hat der „AOK-Präsident“ sich durchgesetzt, wobei die Bezahlbarkeit angesichts des anhaltenden Widerstands offen bleibt.

Was soll man von einem Präsidenten halten, der die Todesstrafe nicht abschafft, mit den Bürgerrechten es doch nicht so genau nimmt, wie sonst sind die Lager in Guantanamo und Bagram zu rechtfertigen, wobei er obendrein das höchst umstrittene “National Defense Authorization Act for Fiscal Year 2012″ unterschrieb, mit dem die USA die Legitimation erhält, terrorverdächtige Ausländer unbegrenzt in Haft nehmen zu dürfen?

 

Im Wahlkampf mag jedes Mittel recht sein

Eigentlich sollte die Überschrift auch hierzulande nicht verwundern, muß man doch feststellen, daß trotz bekannter Wahlkampflügen stets die selben Parteien gewählt werden, die einfach ihren kontraproduktiven Kurs der Volksdistanz fortführen dürfen. Aber in den USA regiert etwas entscheidendes mit: die Welt des Glamours, des Entertaintments. So fühlen sich selbst alte, republikanische Wahlkampfverlierer jetzt aufgefordert, als Rattenfänger im Talkradio gegen Obama Stimmung zu machen, wie dies der 2008 unterlegene Mike Huckabee unüberhörbar präsentiert.

Damit nicht genug. Ausgerechnet an der Frage, ob man sich für die Homo-Ehe entscheide oder eben nicht, entbrannte ein öffentlicher Konflikt im Hause Pitt. Die Haltung des republikanischen Wahlkampfgegners Mitt Romney, Homosexualität generell in Frage zu stellen, färbt selbst bei den Promis derart ab, daß sie sich aufgefordert fühlen, ihre Positionen öffentlich zu äußern. Prominentes Wahlkampfgetöse nach US-amerikanischer Sehnsucht zu Glanz und Glamour? Man darf das ruhig feststellen, zumal auf diese Weise eigentlich tief verwurzelte moralische Vorstellungen verdeckt werden, der Heuchelei weiterhin der Teppich ausgerollt, denn kein Verbot, keine „Schmutzkampagne“ vermag das natürliche Sexualleben des Homo sapiens verhindern!

Obwohl der Mormone die Gesundheitsreform selbst befürwortet hatte, beugt er sich natürlich der republikanischen Mehrheit und nimmt sie als Anlaß, im Wahlkampf dagegen zu wettern. Zwar hat nunmehr die Entscheidung des Supreme Courts den Wahlkampf eher verschärft, dennoch sollte der noch amtierende Präsident nicht die Mächte des Kapitals im Lande unterschätzen. Die werden letztlich entscheiden, wer im November als 45. Präsident in die laufenden Kameras grinst.

Ihr

Lotar Martin Kamm

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