Angst um die Euro-Möhre: Griechenlands Wähler zerbrachen unter Druck der Euro-Demagogen

23.06.12

Rückblick auf die Griechenland-Wahl: Es hat wieder mal funktioniert. Angst und Manipulation entschieden auch diese Wahl. Unter dem Druck der Pro-Euro-Demagogen brachen so viele Wähler in Griechenland zusammen, daß sie eine Regierung aus genau den Parteien wählten, die Griechenland herunterwirtschafteten: “Griechenlands CDU” Nea Dimokatia (ND) und “Griechenlands SPD” Pasok. Neutrale Beobachter staunen: Wie unmündig und/oder angstgesteuert sind die Wähler – nicht nur in Griechenland? Was muß eigentlich geschehen, damit die Kälber nicht länger ihre Metzger wählen?

 

Nichts zu verlieren – und wieder die Böcke zu Gärtnern gewählt

Der Staat ist vollkommen bankrott. Die Wirtschaft liegt am Boden. Jeder Dritte Grieche ist arbeitslos, bei den Unter-30-Jährigen sogar mehr als die Hälfte. Die junge Generation hieß schon vor der aktuellen Krise “Generation 700″, weil fast niemand von ihnen mehr als 700 € monatlich verdiente. Ist der Job weg, gibt es nur 12 Monate lang ein erbärmliches Arbeitslosengeld, und dann nichts mehr. Am griechischen Sozialstaat gibt es längst nichts mehr abzubauen, da haben die neoliberalen Regierungen von Konservativen und “Sozialisten” ganze Arbeit geleistet. Und im heutigen System besteht auch keinerlei Hoffnung auf Besserung (siehe unten). Die Griechen haben also nichts zu verlieren.

Trotzdem wählte die Mehrheit der Griechen genau die Parteien, die für all das verantwortlich sind. Die „Große Koalition“ aus „Griechenlands SPD und Union“, die das Land in Vetternwirtschaft in den Ruin trieb. Die die reichsten Bürger in Ruhe Steuern hinterziehen ließen, während sie die kümmerlichen Mindestlöhne und Renten zusammenstrichen. Die die staatlichen Bilanzen fälschten und das Land der Troika unterwarfen. Die unfähig und unwillig sind, eine funktionierende Steuerverwaltung zu organisieren. Deren Versagen Bücher füllt.

Offenbar siegte die Manipulation der Wähler und das Spiel der Pro-Euro-Demagogen mit der Angst. Offenbar geht es den Griechen noch nicht schlecht genug. Das wirft die Frage auf: Wie schlecht muß es den Griechen (und den Wählern anderer Länder) eigentlich gehen, bis sie sich endlich von den ewig gleichen Parteien abwenden?

 

Hartz IV für Griechenland

Worauf hoffen Griechenlands Wähler? Auf Wunder? Auf Geschenke? CDU-Generalsekretär Gröhe stellte umgehend klar: Es gibt kein Entgegenkommen, nur weil die Griechen die Schwesterparteien von Union und SPD wählten. CDU-Fraktionschef Kauder legte sogar noch einen drauf: Alle als „Vereinbarungen“ bezeichneten Kapitulationserklärungen der aus dem Amt gejagten Vorgängerregierung seien einzuhalten. Das Kaputtsparen möge noch schneller vollzogen werden, die Löhne und Renten noch drastischer gesenkt, und das öffentliche Eigentum noch schneller an Großkapitalbesitzer verscherbelt werden, auf daß schneller Geld an die deutschen Gläubigerbanken fließen kann, und Griechenlands Bürger in Zukunft noch höhere Kosten zu tragen haben.

Griechenland soll also als erster Staat auf Hartz IV gesetzt werden.

Die Troika und Deutschlands Regierungsparteien fordern Sparen (weniger Geld ausgeben) und gleichzeitig Wachstum (mehr Geld einnehmen). Also ein paradoxes Konzept, dessen Chancenlosigkeit nicht nur logisch, sondern auch empirisch widerlegt ist: In der Geschichte des Planeten Erde gab es noch keinen Staat, der sparte und damit gleichzeitig Wachstum erzielte. Noch besser: Die Herrschaften glauben, sie könnten dadurch Griechenlands Schuldenquote von heute über 150 Prozent auf künftig „nur noch“ 120 Prozent senken und alles sei gut. Dabei lag Griechenlands Schuldenquote vor Ausbruch der Krise bei rd. 110 Prozent, und Spanien gilt trotz stärkerer Wirtschaft bei rd. 70 Prozent Schuldenquote bereits als pleite.

Was sagen denn „die Märkte“ dazu, denen unsere Regierungsparteien uns unterwerfen? Bankenprofessor Burghof von der Universität Hohenheim erklärt: “Die Märkte machen die von der Politik suggerierte Trennung von Staats- und Bankenrettung nicht mit.”

Was meint Herr Kauder zum völligen Scheitern der Bundesregierung, die lediglich große Probleme von heute in noch größere von morgen verwandelte? „Wir haben bis jetzt die Maßnahmen zur Rettung des Euro gut hinbekommen!“

 

Die Euro-Möhre

Wie auch den Spaniern, Portugiesen und Italienern (und künftig Belgiern, Iren, Franzosen, etc.) halten Politiker und Medien dem griechischen Esel die Euro-Möhre vor die Nase, als Versprechen auf ein köstliches Geschenk. Nur: Es gibt keine Geschenke. Je länger die Griechen im Euro bleiben, desto weiter steigt lediglich das Kreditgebirge, welches das Land erdrückt.

Wozu sollen also Griechen, Spanier, Portugiesen und Italiener den Euro, diese „Rettungsweste aus Beton“, eigentlich retten?

 

Godwins Law und die traurige Rolle ausländischer Medien

Godwins Law besagt: In jeder Diskussion ist es mit 100-prozentiger Sicherheit nur eine Frage der Zeit, bis jemand mit einem Nazi-Vergleich alle anderen Argumente totschlagen will. Was allerdings selten funktioniert. Sobald der Vergleich mit Nazis, Holocaust und Weimarer Republik kommt, wissen alle intelligenten Diskutanten: Da ist jemand mit seinen Argumenten am Ende und schlägt nur noch wütend um sich. In diesem Sinne stellt Jakob Augstein unter „Europa ist Weimar“ zunächst einmal die Behauptung auf, Europa sei eine Demokratie.

Warum Deutschland und Europa keine Demokratien sind, vertiefte die Buergerstimme am 07.12.2009. Im Falle der EU kommt hinzu, daß es keinen einzigen Politiker und keine Partei gibt, die man von Polen bis Portugal wählen könnte. Es gibt keine relevanten europaweiten Medien. In welcher Sprache sollten sie auch erscheinen? Ohne eine gemeinsame Sprache gibt es keine gemeinsame Öffentlichkeit. Ohne gemeinsame Öffentlichkeit ist keine wirklich Demokratie möglich. Die Vereinigten Staaten von Europa kann es also nicht geben. Und es darf sie auch nicht geben, wollen wir die unterschiedlichen Sprachen und Kulturen erhalten. Ohne regionale Vielfalt wäre die EU kein Europa mehr, sondern ein von den Machteliten zusammen gezwungenes Kunstgebilde wie Jugoslawien oder die Sowjetunion, deren Ende auch den EU-Besoffenen bekannt sein sollte.

Auf der falschen These der EU-Demokratie baut Herr Augstein seine noch absurdere Behauptung auf, die Demokratie sei bedroht, wenn die Deutschen sich von Europa abwenden. Nur: Die Deutschen lieben Europa. Aber sie wenden sich von dem ab, was die Machteliten aus der EU gemacht haben.

Nun erlebt Herr Augstein seinen ersten echten Shitstorm. Erhält er sonst für oft bemerkenswerte  Artikel wie „Gesellschaft vor der Kernschmelze“ eine sehr hohe Zustimmung, hauen ihm nun über 95 Prozent der entsetzten und enttäuschten Leser die Ignoranz der Eliten-Käseglocke, eine Helmut-Schmidt-artige unkritische Europa-Besoffenheit, den ewigen Deutschland-Schuldkomplex und die völlige Ignoranz ökonomischer Fakten um die Ohren. Eine Zukunft Deutschlands aus Brüsseler Provinz überzeugt keinen selbstständig denkenden Menschen. Wird Herr Augstein umdenken? Wird er sich neuen Ideen öffnen?

Auch Spiegel-Kollege Wolfgang Münchau beweist Godwins Law, indem er auf den „Schrecken, mit dem die Depression der 30er-Jahre endete“ verweist und allein Ernstes ein „Schrecken ohne Ende“ (!) mit ewigen Geldtransfers von Deutschland in die Schuldnerländer als bessere Alternative zu einem „Ende mit Schrecken“ propagiert. Natürlich darf auch die Export-Möhre nicht fehlen, die den Wählern suggerieren soll, Deutschland und der gesamte EU-Binnenmarkt würden freie Wechselkurse „nicht überleben“. Mit anderen Worten: Die Subventionierung deutscher Exporte durch einen künstlich niedrig gehaltenen Wechselkurs und die Destabilisierung der Exportkunden soll ebenso beibehalten werden

Zusätzlich läßt auch Münchau außer Acht, daß die Existenz-bedrohenden Probleme unserer Gesellschaft mehr im Arbeitsmarkt als in der Schuldenkrise liegen.

Die BILD-Zeitung ernennt sich in aller Bescheidenheit zur Sprecherin der gesamten Menschheit (!) und meint: „Die Welt atmet auf“. Aufatmen können nur die Bankaktionäre. Der Jubel der BILD-Zeitung macht also nur dann Sinn, wenn sie den Transfer von Steuergeldern über Rettungsschirme an die Bankaktionäre wünscht.

Den Vogel schoß allerdings die Financial Times Deutschland ab mit dem Aufruf: “Widerstehen Sie der Demagogie von Alexis Tsipras und seiner Syriza. Trauen Sie nicht deren Versprechungen, dass man einfach alle Vereinbarungen aufkündigen kann – ohne Konsequenzen.” Diese für einen seriösen Journalismus doch eher unpassende Wahlmanipulation wird der FTD in den Artikelkommentaren um die Ohren gehauen. Die FTD-Redaktion geht – wie so viele andere Systemmedien – ganz in ihrem Job als Kanzlerin Merkels Regierungssprecherin auf. Wie Frau Merkel nennt die Redaktion die bedingungslose Kapitulation, die die EU-Troika mit Hilfe ihrer Vasallen dem griechischen Volk diktierte, eine “Vereinbarung”, die bis in alle Ewigkeit niemals gekündigt werden kann.

Chancen für neue Ideen und neue Parteien wollen aufschlußreicherweise alle Establishment-Medien verhindern.

 

Das vergiftete Geschenk der Sozialisten

Pasok-Chef Venizelos machte der kometenhaft aufgestiegenen, linksliberalen Partei SYRIZA (entspricht der ursprünglichen SPD, wird von den Systemmedien als „Linksradikal“ diffamiert) noch am Wahlabend ein scheinbar erstaunliches Angebot: Es wollte die SYRIZA an der Regierung beteiligen. Hätte sich SYRIZA an der neuen Regierung beteiligt, hätte sie ihre Wähler vergrault, und die einzige Hoffnung der Griechen wäre beerdigt worden.

SYRIZA lehnte daher dankend ab und macht das einzig Sinnvolle: Zuschauen, wie sich ND und Pasok mitsamt der „Demokratischen Linken“ vollends beim Volk verhasst machen. Es ist ohnehin kein ausreichender gemeinsamer Nenner vorhanden. Bei der nächsten Wahl wird wohl SYRIZA gewinnen – wenn sich die Wähler nicht schon wieder von den Pro-Euro-Demagogen in Panik versetzen lassen. Und dann wird es richtig interessant.

 

Der isländische Stinkefinger

Vielleicht folgt SYRIZA dem Beispiel Islands mit deren erfolgreichen Maßnahmen: Banken pleite gehen lassen, nur die Spareinlagen ersetzen (ist ja ohnehin so gut wie nichts da), Gläubiger in die Röhre schauen lassen und eine eigene Währung um 50 Prozent abwerten.

Die Möglichkeit des „Isländischen Stinkefingers“ empfahl die Buergerstimme bereits am 24.10.2011 unter „Steht auf und lasst es krachen, wenn Ihr Griechen seid!

Ich schließe mit einem Zitat der „Bremer Stadtmusikanten“:

Etwas besseres als den Tod findest Du überall.“

Ihr

Jörg Gastmann

3 Kommentare zu Angst um die Euro-Möhre: Griechenlands Wähler zerbrachen unter Druck der Euro-Demagogen

  1. Guter Artikel. Ich erlaube mir den mal zu verlinken.

  2. Da kann ich nur meinen Hut ziehen und dem Artikel viele, viele Leser wünschen.

  3. gustaf // 24. Juni 2012 um 12:31 //

    Die Wahlbeteiligung lag bei etwa 62 % und davon hat etwa die Hälfte die ND gewählt. Also von 100 Prozent ausgehend haben etwas weniger als ein drittel die ND gewählt. Warum 38 % nicht gewählt haben, frage ich mich, obwohl es um so vieles ging. Auch stellt sich mir die Frage, ob die Wahlen wirklich korrekt abliefen, es haben ja nur wenige Prozentpunkte zur Syriza gefehlt und da von diesen Wahlen soviel Prestige für ganz Europa auf dem Spiel stand, war der Druck auf die Wahlorgane sehr hoch.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*



+ 8 = zehn