Pro oder Kontra: armseliges Schwarz-Weiß-Denken

30.04.12

“Und bist du nicht dafür, dann halt dagegen.” Dieser zwangsläufige, anschließend einsetzende Automatismus einer Haltung oder einer Meinung und einer Anti-Haltung bzw. Gegenmeinung gegenüber hat sich längst breit gemacht in den Köpfen der Menschen. Dabei durchzieht ein Muster des armseligen Schwarz-Weiß-Denkens den Mainstream, nicht nur der politischen Landschaft, das sich unbedingt bei den extrempolitischen rechten und linken Gegnern offenbart.

Und wer einfach für einen Sachverhalt sich einsetzt, befürwortet diesen – das Gegenteil, die Ablehnung verdeutlicht eine Diskussion über Pro oder Kontra. So weit so gut, oder doch nicht? Was spricht dennoch dafür, kontrovers geführte Meinungen auszutauschen, auch wenn diese absolut gegensätzliche Standpunkte vertreten? Gar nichts, solange keine “Schubladen” geöffnet werden und eine Vielfalt von Grautönen Raum finden dürfen im Trudel der Schwarz-Weiß-Verallgemeinerung.

 

Feindbilder und Polemik keineswegs hilfreich

Inzwischen eskalieren auch die Meinungsäußerungen zum aktuellen Ukraine-Konflikt. Während auf der einen Seite völlig zurecht den ukrainischen Machthabern vorgeworfen werden kann, den Tierschutz und Menschenrechte zu mißachten, tauchen einfach mal Vermutungen einer PR-Kampahne auf, wobei noch eins draufgesetzt wird, unsere Regierung hätte bei China und Saudi-Arabien weggeschaut, um sich jetzt für  Julija Timoschenko einzusetzen. Na prima, da werden auf alle Fälle völlig berechtigte Vorwürfe (Menschenrechtsverletzungen in China und Saudi-Arabien) „benutzt“, um andererseits ukrainische Politik zu entlasten? Gerade Polemik sollte an dieser Stelle tunlichst vermieden, sondern viel eher genauer und mit Augenmaß differenziert werden. Bedauerlicherweise wird hier ein „Schema von Gut und Böse“ vermutet und schon paßt das Weltbild einer „Selbstbeweihräucherung“, dem Schwarz-Weiß-Denken wird hierbei erst recht Vorschub geleistet. Gefolterte und bestialisch ermordete Hunde und fragwürdig inszenierte Prozesse zusammen mit unerträglichen Haftbedingungen, unabhängig vom denkwürdigen Säureanschlag, sind durch nichts zu entschuldigen und schon gleich gar nicht durch Versäumnisse in anderen Ländern. Oder darf man im Gegenzug beinah schon vermuten, daß jede Hilfe, jeder Einsatz, um Mißstände zu benennen, abhängig zu machen seien, von wem dies geschieht?  Entweder wir bemühen uns um eine gerechte Welt, oder aber wir verstricken uns zugunsten der Verursacher: Denen wird es egal sein, Hauptsache, sie erreichen ihre Macht, ihr Ziel. Lassen wir die vielen Grautöne neben dem einfachen Schwarz-Weiß zu.

 

Es kann nicht der Kampf zwischen Gut und Böse sein

Diesen austragen zu wollen, darf man getrost als Hirngespinst abtun, zumal der Grenzbereich ohnehin äußerst fließend definiert werden muß. Hingegen sollte stets von Fall zu Fall ganz genau hingeschaut werden, wobei im Zweifel stets der Humanismus zusammen mit dem Respekt Mutter Natur, allen Lebens gegenüber Anwendung finden muß. Würde das tatsächlich weltweit beherzigt werden, gäbe es keine Kriege, denn eine solche Auseinandersetzung muß stets als totale Kapitulation interpretiert werden, nur noch per Mord- und Totschlag Konflikte lösen zu wollen, um es mal so drastisch und direkt zu benennen. Für eine Sache kämpfen im Sinne von Wortgefechten, sachlich vorzutragenden Argumenten, wird stets die Brücke sein, das Gut oder Böse außer acht zu lassen, kausale Zusammenhänge, lebensnotwendige Belange vielmehr eine Basis rechtfertigen, zumindest friedlich Standpunkte zu vertreten. Solange Kommunikation vorherrscht, verhindert diese die Eskalation von Gewalt, die hohe Schule der Diplomatie auf politisch höchster Ebene muß wieder zurückkehren, wollen wir nicht noch mehr Kriege und unendliches Elend dulden. Nicht der abstrakte Kampf zwischen „Gut und Böse“ belastet  den Frieden auf Erden, sondern die Unfähigkeit des Menschen, seine Pfade des „Schwarz-Weiß-Denkens“ zu verlassen und wesentlich allumfassender das ganze Leben zu betrachten, so auch sämtliche Probleme und deren Lösungsmöglichkeiten.

Ihr

Lotar Martin Kamm

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