Schulbildung weiterhin im Fokus der Kritik ohne wirkliche Konzepte der Verbesserung

12.03.12

Ziemlich bedauerlich dieses ewige Herumdoktern einer fragwürdigen PISA-Studie, dem Schreckgespenst der Schulen, die seit dem Jahr 2000 für viel Aufsehen, Verunsicherung und vor allem berechtigte Kritik an ihr selbst sorgt. Die OECD führte die PISA-Studien, Programm for International Student Assessment (Programm zur internationalen Schülerbewertung), ein, und seit dem gibt es auch hierzulande ein Ringen um die besten „Plätze im Bundesvergleich“, ohne daß damit den Schülern und dem Bildungssystem wirklich geholfen wird. Dürfen wir uns die PISA-Studien als einen Richtwert vorstellen, an dessen Ergebnissen tatsächlich das Schulsystem sich orientiert, hinterfragt und dann die Konsequenzen zieht? Oder muß man generell solche Studien in Frage stellen, weil sie letztlich wichtige Aspekte nicht wirklich berücksichtigen?

 

Die PISA-Studie wird hierzulande viel zu wichtig genommen

Neben der PISA-Studie gab und gibt es noch andere Studien, die sich mit den unterschiedlichen Schulsystemen befassen, um dies auch mal zu betonen. Nach dem PISA-Schock 2001 in Deutschland waren sowohl die Medien als auch die Politik nicht unbeteiligt daran, den Stellenwert der OECD-Studie als ganz hohe Meßlatte zu setzen. Gleichzeitig wurde aber ziemlich schnell auch der Ruf nach Kritik schärfer, obwohl die PISA-Studie als empirische Studie, die alle drei Jahre praktische Anwendung findet, als globales Instrumentarium erhoben, ihr insofern nicht gerecht wird. Dürfen wir, diesen Gedankengang weiterverfolgend, sogar davon ausgehen, daß selbst die verantwortlichen Bildungspolitiker sich teilweise hinter einer PISA-Studie „verschanzen“, um sie je nach Bedarf hoch zu halten oder eben mal zu kritisieren?

 

Ein neuer „Chancenspiegel“ soll es jetzt richten?

Jetzt gibt es eine neue Studie, weil die vielen anderen zuvor wohl nicht ausreichten, oder? Die Bertelsmann-Stiftung kam in dem von ihr beauftragten „Chancenspiegel“ zu dem Ergebnis: Deutschland, Land der Schulabsteiger. Na, bitte, was längst im Volke selbst schon immer klar war, auch gänzlich ohne sämtliche Studien zuvor, bestätigte nunmehr auch diese neue: Der Staat hat es verpaßt, eine Chancengleichheit im Schulsystem herzustellen. Wow, und dazu bedarf es auch dem „Chancenspiegel“? Mal Hand aufs Herz, liebe Leser, ohne jetzt gänzlich sich in satirischen Ergüssen zu verstricken: Dürfen wir auch diese „neuen“ Erkenntnisse als eine Lachnummer interpretieren? Eigentlich schon, wäre das Grundübel nicht genug Anlaß zur Sorge. Unser Schulsystem bedarf einer kompletten Erneuerung, muß von Grund auf anders überdacht werden. Mit freundlich gemeinten Studien scheint es wohl nicht getan zu sein, alldieweil sie einen ganz wichtigen Faktor übersehen: Schule will sich ständig nach der Wirtschaft strecken und richten, aber nicht nach dem Menschen selbst, nach seinen Bedürfnissen. Dabei gibt es genug Ideen zum Bildungssystem. Solange die Wirtschaft über unser aller Leben bestimmt, und der Mensch sich dem unterzuordnen hat, können sämtliche darin konform gehenden Studien nicht wirklich eine Verbesserung erbringen.

 

Klingt toll – doch die Wirklichkeit schaut anders aus

In dem Interview des Spiegel, “Lernen macht glücklich und reich“, erhebt der Autor den Befragten, den Bertelsmann-Vorstand, Jörg Dräger, zum „Architekt der Bildungsvolkszählung“. Klingt ja ganz toll, so eine Formulierung. Wird sie ihrem Anspruch tatsächlich gerecht? Auf der einen Seite muß man begrüßenswert feststellen, daß Dräger zurecht diese kläglichen Vergleiche im Lande zum Nord-Süd-Gefälle im Kontext einer geforderten Gleichwertigkeit als illusorisch nicht umsetzbar bezeichnet, auf der anderen Seite dürfen wir nicht vergessen, daß unter seiner Verantwortung im Jahre 2006 in Hamburg Studiengebühren in Höhe von 500 € pro Semester eingeführt worden sind. Wer Studiengebühren befürwortet, schafft damit klare Verhältnisse zwischen denjenigen, die ein Studium finanzieren können und den anderen, die halt aufgrund von Geldmangel verzichten müssen. Da hilft ihnen die im Interview betonte Erkenntnis von ihm, Lernen verschaffe nicht nur persönliche Befriedigung, sondern habe im Bereich des sozialen Lernens positive Effekte, durch das Engagement bei der Feuerwehr und wo auch immer, auch nicht sonderlich, da das Hochhalten dieser Praxis am Thema vorbeigeht.

Wer sich ehrenamtlich betätigt, der muß auch erst mal keine Existenzängste auszustehen haben, weil ansonsten im Umkehrschluß sogar solchen Menschen ein schlechtes Gewissen eingeredet wird. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft selbst, zusammen mit ihrer Politik, die sich mittels Wahlen bekanntlich bestimmt, muß Sorge dafür tragen, daß wir eine reale Bildungsgerechtigkeit im Lande haben. Ignoriert sie die derzeitig desolaten Zustände, wird keine Studie etwas zum Besseren bewirken.

Ihr

Lotar Martin Kamm

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