Ein Briefwechsel zum Thema Gefühle, Empathie und Bewusstsein bei Tieren

26.03.12

Lieber Papa,

ja, auch bei mir bemerke ich in letzter Zeit immer häufiger, dass wenn bei mir ein Stück Fleisch auf dem Teller landet, ich mich dabei erwische, wie ich dieses Stück Fleisch – oder auch Wurst – anstarre und mich frage, was ich da eigentlich tue. Ist es Rechtens, dass ein denkendes und fühlendes Wesen sein Leben lassen muss, um meines zu verlängern?

Ein denkendes und fühlendes Wesen … Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie schockiert ich als Kind darüber war, wenn sich unsere „Großfamilie“ an Weihnachten über ein Kaninchen oder gar einen Rehrücken unter freudigem “Oh” und “Ah” hermachte – und ich mit einem dicken Kloß im Hals traurig dachte: “Wie kann man nur so ein armes, niedliches Tier essen?”, während ich selbst meine Chicken-Nuggets mümmelte. Das war okay – Hühnchen waren nicht niedlich genug!

Ich habe nie viel Fleisch gegessen, wie Du weißt. Schwein und Rind mag ich ohnehin nur in Form von Hack, und Geflügel auch nur dann, wenn es nicht mehr als Tier erkennbar ist – makaber, aber wahr! Beim Anblick eines halben Hähnchens dreht sich mir der Magen um. Das schlechte Gewissen isst bei mir immer mit. Das Hähnchen-Nugget im Panade-Mantel ist leckerer Selbstbetrug.

In diesem Zusammenhang stelle ich mir auch immer öfter die Frage, wie wir Menschen auf die Idee kommen, Tiere als weniger wert zu betrachten als uns selbst, und diese aus eben dieser Idee und auch wohl aus großem Appetit heraus als Mast- und Schlachtvieh und das immer häufiger unter miesen Bedingungen zu halten. Doch wohl nur mit dem Recht des Stärkeren. Da schleicht sich die bitterböse Frage ein, wer hier denn nun “primitiv” ist.

Ich habe heute einen sehr interessanten Artikel über die Fähigkeit einiger Tiere zur Selbstwahrnehmung gelesen. Eine Katzenhalterin fragte einen Professor, warum sich ihre Katzen im Spiegel nicht selbst zu erkennen scheinen. Ich, die ich nun seit einem Jahr selbst überstolze Katzenhalterin bin, habe das selbst schon beobachtet. Wenn ich meine beiden Stubentiger auf dem Arm halte und mit ihnen vor dem Spiegel stehe, sehen sie sich selbst nicht an, alle anderen Himmelsrichtungen scheinen hundertfach interessanter, nur das eigene Spiegelbild nicht. Da hilft kein Deuten, Zeigen und wild mit den Armen Rudern. Die Spiegelkatze wird standhaft ignoriert.

Solche Tests hat man mit vielen anderen Tieren auch in Laboren gemacht. Dort hat man allerdings den Tieren einen farbigen Fleck auf die Stirn gemalt, um ihre Reaktion zu beobachten. Einige Tiere, wie zum Beispiel Schimpansen, Orang-Utans, Delphine und sogar Elstern bemerkten diesen nicht dort hingehörenden Fleck und versuchten, diesen wegzuwischen oder anders zu entfernen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass sie sich im Spiegel selbst erkannten. Katzen bestehen diesen Test leider nicht und Gorillas auch nicht, obwohl letztere unsere nächsten Verwandten sind. Aber auch menschliche Kleinkinder bestehen diesen Test erst etwa ab dem zweiten Lebensjahr. Und dies ist der Beweis dafür, dass es nicht unbedingt etwas mit Selbstbewusstsein zu tun hat, da man davon ausgeht, dass Kleinkinder eine Ich-Identität schon vor dem zweiten Lebensjahr entwickeln.

Wenn ich daran zurück denke, wie schwierig in den ersten Tagen die Zusammenführung meines Katers mit meiner kleinen Katze war, die ich neu dazu holte, fällt mir Folgendes auf: Der kleine Reviereindringling wurde aufs Fürchterlichste angefaucht, angeknurrt, bedroht und räumlich doch gemieden wie die Pest. Wenn ich mit meinem Kater vor dem Spiegel stehe, reagiert er aber überhaupt nicht feindselig auf sein Spiegelbild. Erkennt er vielleicht doch, dass es sich nicht um einen Fremdling handelt? Zugegeben – ich habe ihm keinen Fleck auf die Stirn gepinselt. Aber vielleicht würde ihn dieser auch gar nicht interessieren?! Der Professor gab schließlich zu, dass man nicht wisse, warum zum Beispiel Katzen den Test mit dem Farbfleck nicht bestehen. Ob andere Gehirnstrukturen oder etwas anderes dafür verantwortlich wären, habe man bisher nicht herausfinden können.

Ich wage die Behauptung, meinen Katzen ist ihr Spiegelbild einfach schnurz-piepe. Kann ja nicht jeder so eitel sein wie wir Menschen oder wie eine Elster! Und die stehen da, das weiß der Volksmund seit Langem, auf viel Bling Bling.

Ich finde es da viel interessanter, zu beobachten, wie sich ein Tier im “Alltag” verhält. Bei einem einfachen Fisch – sagen wir mal, einem Karpfen – kann ich mir gut vorstellen, dieser hat keinen blassen Schimmer, dass es ihn selbst gibt. Sein tristes Dasein besteht aus Geborenwerden, Fressen, sich Erleichtern, Schlafen, sich Fortpflanzen und irgendwann Sterben. Was Emotionen betrifft, besitzt er vermutlich nur die Basisausstattung: Angst, Hunger, Fortpflanzungsbedürfnis.

Spielen, Neugierde, Streitereien, Liebe, Zärtlichkeiten – nur einige der Dinge, die ich bei meinen Katzen beobachte. Wenn ich meinen beiden Katzen dabei zusehe, wie sie gemeinsam riesige Freude beim Spielen haben (besonders mein kleines Mädchen stößt beim Spielen regelmäßig kleine Jauchzer aus), Zärtlichkeiten austauschen, sich zanken, neugierig sind, oder mein Kater mir selig schnurrend die Hände abschleckt, wenn ich seine Öhrchen kraule – dann kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, meine Katzen sollen keine Ahnung haben, dass es sie selbst nicht gibt. Denn setzt die Freude am Leben nicht voraus, dass man auch weiß, man lebt? Und wenn ich hier vom “Leben” spreche, meine ich damit nicht die bloße Tatsache “am Leben zu sein”, sondern freudig jauchzend eine Gummimaus vor sich her zu kicken!

Du siehst, es ist viel Leben und Lieben in meiner Bude. Und was meinst Du? Sind jene Tiere, die zu fühlen scheinen und sich selbst bewusst sind, nicht genauso schützenswert wie wir selbst?

HDL Maren

 

Liebe Tochter,

da hast Du was angerichtet. Ich hatte, wie Du sicherlich bemerkest, in der letzten Woche den Artikel geschrieben Wieso wird Ethik in den Kulturen so unterschiedlich ausgelegt? und dies am Beispiel der Esskulturen der Völker untersucht. Aufgrund Deiner Mail wollte ich es nun doch etwas genauer wissen, wozu unsere Tiere in der Lage sind und habe mal ein wenig im Internet recherchiert und dabei eine Fülle von Belegen darüber gefunden, wie die unterschiedlichsten größeren Säugetiere, ob Fleisch- oder Pflanzenfresser, bis hin zu den Primaten in den verschiedensten Situationen zeigen, dass sie Gefühle haben, empathisch sind und sich um bedürftigen Nachwuchs, der nicht ihr eigener ist und sogar artfremd, kümmern. Ich hatte meine interessanten Funde in diesem Facebook-Artikel gepostet.

Darin findest Du einen Film über Gorillas, wo besonders ab Minute 18 zu sehen ist, wie liebevoll eine Mutter ihr Kind anschaut. Danach ein kurzer Film, der zeigt, dass Schimpansen und Gorillas eine Zeichensprache mit ca. 200 Elementen lernen können. Danach ein Video, dass auf die Erkenntnisse der Delphin-Sprache eingeht. Hierzu hatte ich auch schon einen Artikel gelesen, in dem Forscher berichteten, dass sie die in den Klicklauten enthaltenen Bilder visualisieren konnten. Du hattest die Selbstwahrnehmung via Spiegelbild angesprochen: Ein weiteres Video zeigt, wie sich Delphine in einem Spiegel erkennen können. Und dann habe ich einen Artikel verlinkt, in dem ein Video zu sehen ist, wo eine traurige Schimpansen-Mutter ihr 18 Monate altes, gerade verstorbenes Kind immer wieder am Hals und im Gesicht prüft, ob es noch lebt. Es sieht also so aus, dass ihr so etwas wie tot sein bewusst sein könnte. Dann kommt ein anrührendes Video, in dem gezeigt wird, wie eine Katze ihren gerade totgefahrenen Kameraden versucht wiederzubeleben (es reichen die 30 Sekunden der 5 Minuten). Das letzte Video berichtet von einem Polizeieinsatz, in dem ein kleiner Hund zusammen mit gerade geborenen Katzenbabys, auf die er aufgepasst hat, gerettet wurden. Zu Hunden findet man noch viel mehr Videos, wie sie sich um tote Herrchen oder rührend um verletzte Kameraden kümmern. Andere erzählten mir von weinenden Kühen, die in einem Experiment beobachten mussten, wie ihre Wegbegleiter zum Schlachten getötet wurden. Auch von Schweinen wissen wir, dass sie übergroßen Stress haben, wenn sie das Töten ihrer Artgenossen mitverfolgen müssen.

Nun hatte ich in den letzten Monaten aus den unterschiedlichsten Gründen schon immer weniger Fleisch gegessen, und wenn dann Bio-Fleisch. Jetzt wird es für mich noch schwieriger, ein Stück Fleisch zu genießen, wenn ich mir vorstelle, dass diese Tiere eine vermutlich ebenso starke Gefühlswelt inklusive Liebe haben wie wir.

Um Deine Frage zu beantworten, ob wir Menschen, die wir uns an der Spitze der Evolution sehen, Tiere töten dürfen, weil wir uns als die Stärkeren empfinden: Ich mag es nicht für andere Menschen beurteilen, aber ich werde nun sehr viel achtsamer durch die Welt laufen, möglichst wenig Fleisch zu mir nehmen, und ich würde mir sogar wünschen, dass wir Tiere, die Sprache bewusst benutzen können, auf die gleiche rechtliche Stufe wie uns Menschen stellen, was das Morden angeht.

Ich wünsche Dir mit Deinen beiden Tigern noch viel Freude.

HDL Papa

Ihre Maren Bartonitz und Ihr Martin Bartonitz

3 Kommentare zu Ein Briefwechsel zum Thema Gefühle, Empathie und Bewusstsein bei Tieren

  1. Haben Sie auch ein schlechtes Gewissen, weil für das Leben Ihrer Katzen Tiere sterben müssen?
    Haben die ach so empathischen Katzen Mitleid mit den Mäusen die sie töten? Haben Sie schon einmal beobachtet wie und wie lange eine Katze mit einer Maus spielt bevor sie die Maus tötet?

  2. Gabriele Fiola // 26. März 2012 um 22:06 //

    Die *Achtung vor dem Tier* fehlt bei einigen Menschen !
    Es liegt an uns auch dieses zu ändern miteinander!
    Jeder kann seinen Beitrag im Alltag dazu leisten. Es gilt auch da, nicht weg zu schauen!

    Lieber Gruß Gabriele

  3. Gabriele Fiola // 26. März 2012 um 22:02 //

    Wir sollten weniger Fleisch essen, dafür mehr auf die Haltung der Tiere Wert legen, denn Sie lassen Ihr Leben für uns, eine wichtige Nahrung des Menschen.

    Die wichtigen Nährstoffe wären:
    Eisen und Eiweiß in einer Form, die vom Körper besonders gut aufgenommen werden kann.Auch das für den Sauerstofftransport im Blut so wichtige Eisen kann der menschliche Körper aus Fleisch sehr gut aufnehmen.
    Spurenelementen wie Zink und Selen sowie B-Vitaminen leistet es einen wichtigen Beitrag zu einer ausgewogenen Ernährung.
    Das Imunsystem braucht das, damit wir vor Krankheiten geschützt werden….
    das nur mal als ein Beispiel.
    Fleisch sollte immer eine Nebenrolle spielen …es sollte darauf geachtet werden wie ein Tier seine Artgerechte Haltung verbringen mußte.
    Damit die schändliche Masthaltung ein ENDE hat, dafür sollten wir uns einsetzten.
    Es Muss keiner auf Fleisch verzichten, es war immer ein Teil des Menschen in der Nahrungskette.
    Massentierhaltungen sollten verboten werden, Das ist das Übel was wir bekämpfen sollten.

    Lieber Gruß
    gabriele

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