Anzug, Hose, Hemd – seriöse Alltagsmode für Männer?

06.03.12

Ich weiß, ich weiß, man sollte keinen Artikel mit Ich anfangen, aber ich kann nicht anders, denn ich verstehe nicht, warum die Damen der Schöpfung bei gewissen Events sogar im Winter leicht bekleidet, über egal auch was stolzieren, die Männer dagegen in Hemd und Jacke diesen Weg beschreiten. Ist es nicht bewiesen, daß das weibliche Geschlecht schneller zum Frösteln neigt als der Mann? Diese Männer müssen doch teilweise vor Schweiß in ihren Klamotten schwimmen, und dann hat das starke Geschlecht auch noch in wenig Abänderung die gleichen Anzüge an, in der Regel grau, blau, schwarz, vor allen Dingen dunkel, düster. Und dann, oh Graus, diese bunten Krawatten, und wenn es ganz fein aussehen sollte, dieses gewisse Tüchlein in der Brusttasche, vorne, drapiert. Hilfe, gibt es hier irgendwo einen Ausgang?!

Ganz ehrlich, auch wenn die alle gleich aussehen, so hängen doch bei dem einen die Hosenbeine zu lang und aufgefaltet über den Schuhen, bei dem anderen zu kurz und zu eng an der Ferse, und ist die Jacke auf, quillt auch schon mal der Bauch über den Hüftbund, oder die Jacke sitzt zu eng oder zu weit. Anzug kommt von anziehen, eigentlich logisch! Kleid kommt von ankleiden, auch logisch! Wo liegt der Unterschied? Ein Versuch: Wenn ich mich anziehe, habe ich mich in der Regel schon für ein gewisses Teil entschieden. Wenn ich mich einkleide, habe ich mich in der Regel noch nicht entschieden. Einkleiden bezieht sich auf mehrere Dinge. Oder? Anziehen steht für anlegen, überziehen, aufsetzen, hineinschlüpfen. Einkleiden steht für ausstatten, ausstaffieren. Haben wir hier eine oder sogar die Lösung gefunden? Ist wahrscheinlich zu einfach, nur mit dem Wortbegriff zu erklären, warum Männer in ihren Anzügen auftreten, wenn sie in „wichtigen“ Gremien mitentscheiden oder sogar die Entscheidungsträger sind, wenn sie öffentliche Auftritte absolvieren, wenn sie Versicherungen verkaufen, wenn sie in der Bank arbeiten.

Ungefähr ab dem 17. Jahrhundert hat sich langsam und schleichend diese „pastorale“ Verkleidung in der Gesellschaft ihren Platz geschaffen. Durch diese Verkleidung haben sich die Männer selbst ihrer Phantasie und eigenen Ausdruckskraft beraubt. Im Schein der Seriosität und als Begriff von Ehrlichkeit und Ehre stolzieren sie bis heute in uniformgleicher „Mode“ durch ihr selbstgeschaffenes, nicht selbstbestimmtes, aufgesetztes Leben und suggerieren sich selber durch dieses selbstauferlegte Auftreten, Anständigkeit und Aufrichtigkeit. Mitnichten wird durch Anzüge irgendwelche Entscheidung oder ein Verkauf gerechter, wahrheitsnäher, ehrlicher. Würde, Respekt und Achtung verdient man sich nicht, indem man ein weißes Hemd anzieht. Als die „verlotterten“ 68-iger und Alternativen, die freiheitsliebenden Hippies anfingen, sich aktiv politisch in den Parlamenten ihren Sitz zu ergattern, waren sie noch als einzelne Individuen erkennbar, heute sind sie nicht mehr zu erkennen, das nennt man Anpassung, toll! Die „Piraten“ werden wohl über kurz oder lang ebenso im Gewühl der Anzüge verschwinden.

Hat denn wirklich keiner Kant und Fromm gelesen? Bloß nicht sich selbst sein, nicht auffallen, sich anpassen. Das fängt schon in der Kindheit an. Versuchen Sie mal einen rosa Pulli oder ein T-Shirt mit Schmetterling für einen Jungen zu kaufen, weil er gerade eine rosa Phase oder gerade voll fasziniert ist von der Artenvielfalt der Schmetterlinge! Nada! Protzende Superheldfiguren, Autos, Fußball und auch hier überwiegend triste Farben, als Ausnahme ein knalliges Rot, ein Grün zum Weglaufen, ein Gelb, das an Vergiftung denken läßt. Karo und Tarnfarben gibt es noch, und Sie müssen Ihrem heulenden Kind erklären, daß wir dann doch mal in der Mädchenabteilung schauen sollten. Die Verkäuferin schüttelt verständnislos den Kopf über das unwillige Kind und seine Sehnsucht nach Farben. Schon hier wird festgesetzt, wohin die Reise gehen soll. Jungs dürfen immer noch nicht selbstverständlich zu ihren Gefühlen stehen, dürfen nicht weinen, müssen stark sein, dürfen sich nicht an Farben erfreuen, dürfen nicht mit Puppen spielen, müssen abgehärtet werden auf ein Leben als Kämpfer und Held, werden aus Gruppen ausgeschlossen, wenn sie es wagen, ihre „weibliche Seite“ zu zeigen, wenn sie den Wunsch haben, sich ihre Haare lang wachsen zu lassen, wenn sie es interessant finden, Blumen zu sammeln und Sträuße formen, wenn sie Halsketten oder Armbänder tragen wollen, überall dann werden sie sich Vorurteilen zu stellen haben und beschimpft als schwul, tuntig und abnormal. Was ist abnormal? Wer setzt es fest? Es sind unsere eigenen kleingeistigen Verfehlungen, daß die Männer selbst nicht zu ihrer eigenen Befähigung zur freien Gestaltung ihres Lebensumfeldes und ihrer täglichen Bekleidung stehen.

Es grenzt schon beinahe an ein Wunder, daß ein Ohrring tragender Mann inzwischen nicht mehr unter Leidensdruck diesen Schmuck trägt, und es bleibt zu hoffen, daß in Zukunft nicht mehr schweißgebadete Männer in ihren Anzügen, sondern frei atmende temperaturkonform bekleidete Menschen Entscheidungen treffen.

Im Übrigen bin ich dafür, nein, ich flehe euch an, Männer: Zeigt durch eure Bekleidung Lebensfreude, Inspiration und Phantasie, ihr habt es nicht nötig, euch hinter Anzügen zu verstecken, oder?

Ihre Columba

4 Kommentare zu Anzug, Hose, Hemd – seriöse Alltagsmode für Männer?

  1. Laura Löhm // 30. August 2014 um 11:55 //

    Korrektur:
    > nichts
    Da frage ich mich immer, warum sagen die Männer/der Freund nichts was dazu ? Ist es für sie toll zu zeigen, dass sie solche aufgetarkelte Partnerin haben und daher sagen sie nichts ?

  2. Laura Löhm // 30. August 2014 um 11:51 //

    Ich finde, ein Anzug sollte schon zum Event/ Situation passen. Für den Alltag gibt es doch allerhand seriöse andere Bekleidungsteile, aber … dass muss nun jeder Mann selbst entscheiden. Hat jemand einen Fabel für Anzüge, dann soll er ruhig ihn tragen wo immer er will. Selbst an einem Strand oder im Bett :D

    Nee, aber im Großen und Ganzen muss ich aber sagen, dass die Herren der Schöpfung doch vernunftiger angezogen sind als die Frauen. Leider lassen sich die FRauen vom Mainstream, Modezeitschriften und Minderwertigkeitskomplexen mehr verleiten sich anders anzuziehen, als wie sie es eigendlich möchten. Wenn es dann figurmäßig nicht passt, sind Druck und Stress vorprogrammiert. Viele Frauen sind leider schon von kleinauf in eine bestimmte Rolle hineingepresst/gefördert worden, dass ihnen schon gar nicht mehr bewußt ist, warum sie sich jetzt so kleiden, ja sie fühlen sich dann sogar angegriffen, wenn man eine Kritik äußert.

    Ich frage mich zB immer, wie es im Artikel steht, wieso Mädchen/Frauen sich immer so freizügig und aufreizend anziehen, obwohl sie vielleicht sogar in einer festen Beziehung sind und somit nicht das andere Geschlecht anlocken müssen ?
    Oder heute zB bei der Einschulung der Kinder, sind mir Frauen/Mütter aufgefallen, die so knapp angezogen waren als würden sie in eine Disko gehen ( Haare gefärbt, stark geschminkt, braungebrannt, freizügige Kleidung ) :/
    Da frage ich mich immer, warum sagen die Männer/der Freund was dazu ? Ist es für sie toll zu zeigen, dass sie solche aufgetarkelte Partnerin haben und daher sagen sie nichts ?

    Auf jeden Fall kann ich wirklich nur sagen, dass die Männer wirklich vernünftiger angezogen sind, ob im Fernsehen oder auf der Straße !

  3. designkleider.com // 7. Mai 2012 um 16:33 //

    Ich finde ein Anzug ist immer eine schöne Alltagskleidung und Männer sehen sehr gut aus im Anzug. :D

  4. Sauber :)

    So ist es. Insbesondere da, wo Macht, schnörkellose Vernunft und Überlegtheit präsentiert bzw. demonstriert werden (sollen). Wer sich in Richtung Macht orientiert, orientiert sich an deren Nonkonformisten-Uniform.

    Super geschrieben, Kompliment!

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