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IBM sucht Prostituierte für seinen IT-Strich

Verfasst von: admin am Februar 5, 2012 7 Kommentare

05.02.12

Nicht nur in Ländern der 3. Welt, sondern auch in Deutschland gehen Tagelöhner auf den Strich: Sie stehen an bekannten Treffpunkten am Straßenrand, und Arbeitgeber/Freier, die Tagelöhner für körperliche Arbeit suchen, laden diejenigen, deren Aussehen höhere Leistungen versprechen als die der anderen, in ihr Auto und benutzen sie für ein paar Stunden. IBM findet das vorbildlich und will als Arbeitgeber/Freier künftig Mitarbeiter als gläserne Prostituierte auf seinem IT-Strich rekrutieren.

 

Die Analogie zur Prostitution

Wenn bei diesen Worten die Rechtsabteilung von IBM reflexhaft eine Klage gegen den Autor dieser Zeilen formuliert: Bitte verklagen Sie mich. Tun Sie mir und der Öffentlichkeit diesen Gefallen. Das wird so richtig peinlich für IBM, ein PR-Desaster. Dann werden wir zunächst einmal feststellen, daß der Duden prostituieren definiert als „sich erniedrigen, sich herabwürdigen, sich hergeben, sich zur Verfügung stellen, sich für Geld anbieten, käuflich sein“, über die sexuelle Bedeutung hinaus auch anwendbar, z.B. „sich als Künstler prostituieren“. Genau diese Definition erfüllt IBM als Job-Freier, wenn Menschen „von Fall zu Fall eingekauft werden.“

Als wäre die Unterwerfung unter die Befriedigungsgelüste der Arbeitgeber nicht demütigend genug, sollen sich die IT-Nutten lt. IBM „der ganzen Welt präsentieren“, und das auch noch völlig nackt, mit gynäkologischem Einblick in die Arbeitnehmer-Intimzonen, denn IBM will die IT-Nutten aus Freier-Sicht „nach selbst entworfenen Qualitätsmerkmalen zertifizieren“, mit Zeugnissen und sogar einem Arbeitgeber-/Freier-orientierten Bewertungssystem, das weltweit (!) öffentlich einsehbar sein soll.

Und damit eine IT-Nutte, die in Deutschland anschaffen geht, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder ähnlichen „Luxus“ einfordern kann, will IBM „internationale Arbeitsverträge“ mit den global geringsten (sprich: außer dem Lohn gar keinen) Rechten einsetzen, um die „restriktiven Vorschriften in den jeweiligen Heimatländern zu umgehen“. Gewerkschaften und Betriebsräte würden dadurch ebenfalls ausgehebelt.

Und bei diesem Arbeitnehmer-Albtraum wissen IT-Nutten bei IBMs S/M-Modell von vornherein, daß sie „nur für die Dauer der jeweiligen Projekte beschäftigt werden“, sprich: daß sie nach ihrem „Job“, wenn IBM mit ihnen fertig ist, den nächsten Freier suchen müssen.

 

Die Haltung von IBM

Bereits im April 2010 sprach IBMs oberster Personalchef Tim Ringo noch von einem Abbau von 75% der Kernbelegschaft und nannte als Nutzen für IBM, keine Rentenversicherungs- und Krankenversicherungsbeiträge mehr zahlen zu müssen. IBM ließ seinen Personalchef umgehend dementieren. Ein Personalabbau sei nicht geplant.

Heute hingegen rechtfertigt sich IBM, warum der Personalabbau nun doch immer konkreter wird: „Als innovatives Unternehmen sondieren wir ständig eine Fülle von Wegen …, die Kunden Mehrwert bieten. Produktivität zu steigern und Talente zu fördern, um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, ist eine entscheidende Komponente in unserem Geschäftsmodell.”

Was ist innovativ an der Umgehung von Festanstellungen durch Werkverträge (siehe Monitor Nr. 630 vom 02.02.2012)? Worin liegt der Mehrwert für Kunden, wenn IBM Menschen wie Gegenstände benutzt, deren Motivation Existenzangst ist und sie nur für die Aussicht auf Folgeaufträge die Beine breit machen? Wann erkennen die Menschen endlich, daß die ewige Produktivitätssteigerung durch ihre maßlose Übertreibung Kern des Problems ist? Welche Talente, außer Anbiederung und Unterwerfungsbereitschaft, werden gefördert? Wer außer IBM und den anderen Arbeitgeber-Freiern profitiert von diesem Geschäftsmodell? Und ist es nicht extrem peinlich, sich zu einer solchen, im wahrsten Sinne des Wortes menschenverachtenden Idee zu bekennen?

 

Kurzdenker-Sozialnazis

Marktradikale Sozialnazis schreiben bereits, IBMs Konzept sei doch ein Vorteil für die Super-Qualifizierten, die mit 1.000 € Tagesgage und Home Office eine exzellente Work-Life-Balance erreichen könnten. Einige von ihnen erkennen immerhin an, daß es dabei weitaus mehr Verlierer als Gewinner gibt. Typischerweise glauben Marktradikale an die Lösung, man müsse eben nur alle Menschen zu Superleistern qualifizieren, und das Problem sei gelöst. Das wirft wiederum die Fragen auf, wie man jedermann auf Superniveau qualifizieren kann, und wo all die wundersam gut bezahlten Projekte herkommen sollen. Oder wie man sich zu deutschen Lebenshaltungskosten gegen die globale Lohnkonkurrenz durchsetzen soll, wenn alle ähnlich gut sind. Und wie sollen IBM & Co. ihr erklärtes Ziel der drastischen Personalkostensenkung erreichen, wenn im neoliberalen Wunderland plötzlich alle 1.000 € täglich verdienen? Und würden nicht alle guten Leute bei IBM kündigen, wenn sie als freiberufliche Prostituierte mehr verdienen könnten? Würden Sozialnazis endlich einmal ein Thema gründlich durchdenken, müßten sie umdenken.

 

Feinde der Gesellschaft und ökonomische Selbstmörder

Realistisch betrachtet würden alle Arbeiten, die globalisierbar erbracht werden können, im globalen Wettbewerb an die billigsten Arbeitnehmer-Nutten vergeben. Ohne Kündigungsschutz, ohne Krankenversicherung, ohne Rentenversicherung oder jegliche andere Sozialleistung. Und natürlich ohne die nötige Planungs- und Einkommenssicherheit, die Menschen für Familiengründungen benötigen. IBM & Co. verhindern Familien und Geburten, demütigen die Arbeitnehmer und bereichern sich auf Kosten der Gesellschaft. Arbeitgeber, die solche Konzepte umsetzen, sind also Feinde der Gesellschaft.

Was IBM & Co. auch bedenken müssen, ist der Kaufkraft-Verlust der Konsumenten, den sie durch ihre Personalkostensenkungen verursachen. Wovon sollen die Konsumenten die Produkte der Kunden von IBM & Co. kaufen, wenn sie immer schlechter bezahlt werden oder gleich ganz an den Staat ausgelagert (arbeitslos) werden? Wer die Kaufkraft der Kunden wegrationalisiert, begeht ökonomischen Selbstmord.

 

Zeit für eine Revolution

Es wird Zeit, nicht nur Unternehmen wie IBM in die Knie zu zwingen, sondern endlich den gesamten Arbeitsmarkt in einen Arbeitnehmermarkt umzudrehen, in dem Arbeitgeber alle (!) Arbeitnehmer umwerben müssen – auch die unflexiblen, älteren oder unterdurchschnittlich talentierten. Mit der Vision des Bandbreitenmodells wäre das möglich, weil gut bezahlte Beschäftigung die Voraussetzung für Geschäfte wäre. Dann wäre IBM in der Situation des Prostituierten, allerdings profitabler als heute.

Das wäre auch sehr schnell erreichbar und einfach umsetzbar, sofern die Wähler endlich aufhören würden, mit Union, SPD, Grünen, FDP (und auch den Linken, überall dort, wo sie mitregierten) die Parteien zu wählen, die die Interessen der Arbeitnehmer, Arbeitslosen, Rentner und Familien verraten und bewirkt haben, daß heute nur noch die Hälfte der Arbeitsplätze unbefristete Festanstellungen sind. Aber wen soll man wählen? Wer hat ein wirklich revolutionäres, problemlösendes und umsetzbares Konzept wie das Bandbreitenmodell im Programm? Welche Partei hat den Mut zu einer echten Revolution?

 

Ich schließe mit 2 Zitaten:

“Wir sind in den Händen von Irren. Oder von verantwortungslosen Zynikern. Oder beides. Ich tendiere zu “beides”, wobei aber die Waagschale sich stärker auf die Seite der “Irren” neigt.“

(Albrecht Müller)

„Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Immanuel Kant)

 

Ihr

Jörg Gastmann

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7 Antworten zu “IBM sucht Prostituierte für seinen IT-Strich”

  1. enihprom sagt am: 10 April 2012 um 00:06

    Da kann ich machen was ich will, aber zu IBM fällt mir immer nur “Code 6″ ein. Kundendienst am Krematorium.
    Dennoch wird es sicher noch eine Weile dauern, bis Microsoft seinen ersten platz in meiner Liste der “Lieblingsarschl..” räumen wird.

  2. Michelle sagt am: 7 Februar 2012 um 09:46

    Es ist schwer, Pazifist zu bleiben, wenn man diesen Artikel gelesen hat. Manager, von Gier und krimineller Energie getrieben. Dagegen hilft nur, Geschäft mit Beschäftigung zu verknüpfen – wer Geschäfte machen will, muss eben auch adäquat bezahlte Stellen anbieten.

    Was IBM macht, ist einfach nur noch obszön. So etwas hat keine Zukunft, eine parasitäre Raubwirtschaft mit dem Deckmäntelchen des “Marktes” ist zum Untergang verurteilt.

    Gegen so etwas hilft nur ein anderes Wirtschaftssystem mit einfachen, klaren Regeln.

    Das Bandbreitenmodell könnte diese Regeln, Klarheit und eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten bieten.

  3. flurdab sagt am: 7 Februar 2012 um 09:30

    @ Hennoch

    Falsch, es geht nicht um das Interesse der Firma, sondern um das Interesse der Shareholder. Eine, wenn auch nur kurzfristige, Steigerung des Börsenwerts schlägt sich zuerst auf Gehalt, Bonnie und Aktienoptionen der Managa nieder.
    Der “Leih- Unternehmer”(Managa)ist schon längst bei der nächsten Firma, wenn die Alte den Bach runtergeht.
    Das ist das Geschäftsmodell der “Managa” und Berater al a Berger,McKinsey etc. Und da das alles alternativloses “Expertenwissen”ist, und seit 20 Jahren via Gehirnwäsche in die Köpfe geprügelt wird. Und es in diesem Land keine Politiker mehr gibt die ihren eigenen Verstand zu rate ziehen, bezahlen wir alle die Zeche. Alternativlos!

  4. Hennoch sagt am: 6 Februar 2012 um 15:33

    Was nützt einer Firma heute ein satter Gewinn auf Kosten der Beschäftigten, bzw. der Beschäftigungsszahl, wenn morgen der Gewinn auf Grund der fehlenden , oder nicht zahlungsfähigen Kunden einbricht. Ich würde sagen “nichts”

  5. Santiago sagt am: 6 Februar 2012 um 12:43

    Hi

    genau so läuft es bei IBM schon Jahre. Zumindest in der Schweiz. Ich hab da mal gearbeitet. Bekam weder Ferien bezahlt noch Krankheit. Das die Workbalance da nicht existent ist, muss ich glaub ich nicht extra betonen.

    Ist eigentlich in der ganzen IT so. Momentan arbeite ich in einem der grössten Banken der Schweiz. Bin aber bei einem angestellt, der mit an einen zweiten ausleiht. Im Namen des Zweiten arbeite ich demnach bei der Bank. So ist das. Ein Trottel arbeitet, dr3ei verdienen. Echt zum kotzen.

    Grüsse

  6. hunsrückbauer sagt am: 6 Februar 2012 um 09:04

    Auch der Teutonenmichel wird irgendwann erkennen, dass die Unterbrechung des Geldflusses solche Unternehmen am empfindlichsten trifft, die ausschließlich auf Rendite zielen. Da hilft nur mehr eines: Boykott.

  7. Tester sagt am: 6 Februar 2012 um 07:59

    Witzig, das ganze wird schon lange großzügig gelebt und IBM erfindet es jetzt angeblich neu…

    In meinem Betrieb kommen mittlerweile etwa 30% der Leute von diversen externen Dienstleistern, Tendenz steigend.

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