Aschermittwoch – vom Fasten zum Politisieren
22.02.12
Die Tradition des Aschermittwochs hat ihre Wurzeln aus dem Christentum, wobei an die 40-tägige Fastenzeit Jesus von Nazarets erinnert wird, die er betend in der Wüste verbracht haben soll. Allerdings findet in den Ostkirchen kein Aschermittwoch statt, denn ihre Fastenzeit hat ihren Beginn am Sonntagabend der siebten Woche vor Ostern. Die Westkirche des Christentums bedient sich der Osterformel des beweglichen Osterfestes, um damit den Aschermittwoch zu bestimmen. Dieser findet immer am 46. Tag vor dem Ostersonntag statt. Doch wie hat sich der Brauch des Aschermittwochs bis heute entwickelt, von den Ursprüngen, die Asche vom Verbrennen der Palmzweige des Vorjahres im Gottesdienst des Aschermittwochs zu segnen und aus dieser Asche die Gläubigen mit einem Kreuz zu bezeichnen? Von der Buße im Alten Testament zur politischen Rede nach Karneval und Fastnacht?
Der politische Aschermittwoch begann in Bayern
Und zwar genauer gesagt im Baiern des 16. Jahrhunderts in Vilshofen an der Donau. Es hatten sich 1580 auf dem Vieh- und Roßmarkt die Bauern zusammengefunden, um erstmalig neben dem Feilschen über die Preise auch über die Geschehnisse des Tages zu diskutieren. Wenn Sie sich, liebe Leser, über das fehlende „Y“ wundern, hier wurde bereits von uns darüber berichtet. Doch wird die erstmalige Kundgebung des Bayrischen Bauernbundes im Jahre 1919 als das Geburtsjahr des politischen Aschermittwochs bezeichnet. Was zunächst sich auf unterschiedliche Bauernparteien beschränkte, weitete sich beim politischen Aschermittwoch schließlich ab 1932 aus, in dem auf verschiedenen Veranstaltungen mehrere Parteien sich präsentierten. Die Herrschaft der NSDAP beanspruchte daraufhin diesen Brauch gänzlich für sich.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es vorläufig die Bayernpartei, die 1946 demokratische Aschermittwochsveranstaltungen abhielt. Dadurch, daß Franz Josef Strauß zum ersten Mal 1953 für die CSU den politischen Aschermittwoch ins Leben rief, wurde dieser auch bundesweit bekannt. Die politische Opposition, die SPD, veranstaltete zwölf Jahre später ihren ersten politischen Aschermittwoch. Inzwischen folgten sämtliche Parteien dieser neuen Tradition. Selbst die Piraten sind seit 2010 mit ihrem “Piratigem Aschermittwoch” mit von der Partie.
Aschermittwoch der Künstler und der Kabarettisten
Der Schriftsteller und Diplomat, Paul Claudel, rief die Veranstaltung des Aschermittwochs der Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris ins Leben. Als bekennender Katholik verband er Kunst und Kirche zu einem Dialog, wobei er sicherlich sein diplomatisches Geschick erfolgreich einsetzen konnte. In Deutschland war es der Erzbischof von Köln, Josef Kardinal Frings, der 1950 diese Idee aufgriff, und inzwischen findet der Aschermittwoch der Künstler weltweit in 100 Städten statt, wobei auch mancherorts aus diesem Anlaß für notleidende Künstler gesammelt wird. Es stellt sich allerdings die berechtigte Frage, warum es eine Kirche sein muß, die vordergründig sich für Künstler einsetzt, während in der Politik und der Gesellschaft selbst gerade viele Künstler immer noch ein Dasein der Entbehrungen fristen müssen, während in anderen Berufen wesentlich mehr Chancen gegeben werden?
Es folgte selbstverständlich die „spitze Zunge“ der Satiriker, vielleicht auch gerade deshalb, weil ein Zuviel an Selbstgefälligkeit genug Anlaß bot, eine entsprechende Antwort zu geben. So wurde 2007 im Bayrischen Fernsehen zum ersten Mal die Veranstaltung des Aschermittwochs der Kabarettisten in der Philharmonie am Gasteig in München dem Publikum gezeigt, wobei zuvor schon seit 1990 an verschiedenen Orten und Bühnen diese Form der Aufarbeitung des politischen Aschermittwochs stattfand.
Politischer Aschermittwoch nach der Narrenzeit ein Ventil der Kritik?
Jeder Schauspieler weiß, wo Theater beginnt, und wo es aufhört. Wenn er die Bühne verläßt, begibt er sich wieder in den Alltag, ins reale Leben. Genau so sollte man auch die unterschiedlichen Aschermittwochsveranstaltungen interpretieren: viel Show, Entertainment, wenig Konsequenzen. Oder aber haben sie doch ein Stück weit gewissen Einfluß auf politisches Handeln? Vielleicht kann es hilfreich sein, sich mal die Mühe zu machen, in wie weit politische Reden und tatsächlich beschlossene, politische Weisungen, Gesetzgebungen miteinander noch hinterher zu tun haben. Da kann man durchaus an Wahlversprechen denken, die hinterher auch nicht eingehalten werden. Klar doch, niemand kann konkrete Vorschläge in Parlamenten öffentlich äußern, und dann gegenteilige Entscheidungen umsetzen. Das ginge dann doch zu weit. Allerdings hat so manch flammende Rede im Bundestag eine gewisse Parallele zu politischen Aschermittwochsreden, um mit diesem Vergleich auch mal kritisch parteipolitisches Kalkül zu entlarven. In diesem Jahr will der Chef der CSU, Horst Seehofer, am politischen Aschermittwoch seine Zunge zügeln, weil er die Amtsgeschäfte des zurückgetretenen Bundespräsidenten kommissarisch übernommen hat. Das verbietet wohl dieses Amt. Möge ein jeder selbst entscheiden, was er von diesem politischen Aschermittwoch zu halten hat. Danach hat uns ohnehin die Wirklichkeit wieder.
Ihr
Lotar Martin Kamm



















