Wiktor Zoi und Kino: Rockmusikrebellen noch vor Glasnost und Perestroika
26.01.12
Während wir ganz besonders in der westlichen Welt eine Rockband nach der anderen bewundern, anhören, millionenfach ihre Alben konsumieren, auf eine jahrzehntelange, musikalische Entwicklung zurückblicken, fand dies in anderen Ländern eben nicht statt. In der alten UDSSR herrschte unter den real sozialistisch-kommunistischen politischen Verhältnissen eine ziemlich unterdrückte Stimmung in der Bevölkerung, sie konnte sich kaum entsprechend entwickeln. Es war daher in erster Linie die rebellische Jugend, die den „Alten“ es vormachen mußten, damit sich überhaupt etwas bewegen konnte. Auch Wiktor Robertowitsch Zoi, Sohn eines Halbkoreaners und einer Russin, begann schon sehr früh, sich der Musik zu verschreiben. Vielleicht hat auch sein Geburtsort Leningrad ihn entscheidend beeinflusst, denn nirgends in der UDSSR wurde dermaßen mutig und fast unerschrocken die Rockmusik gespielt, aber dafür in Leningrad.
Im Alter von zwölf Jahren gründete er 1974 seine erste Band Palata No.6, um fünf Jahre später erste Rocksongs zu schreiben. Dem Druck des Schulwesens, er besuchte die Serow-Kunstakademie, hielt er nicht gerade Stand, so daß er aufgrund schlechter Zensuren sie verlassen mußte und seine Brötchen als Heizer in einem Mietshaus verdiente. Abends auf Partys trat er auf, um seiner Leidenschaft zur Musik nachzugehen. An einem dieser Auftritte wurde der „Großvater der russischen Rockmusik“, Boris Grebenschtschikow, auf ihn aufmerksam. Er und seine Rockband Aquarium nahmen sich seiner an und halfen ihm, so daß 1982 Zoi im 1. Leningrader Rock-Club-Konzert seinen ersten Solo-Auftritt hatte. Kurz darauf gründete er eine Band, die bald danach den Namen Kino erhielt. Ihr erstes Album mit dem Titel „45“ nahm sich natürlich politischer Themen an, die Jugend wollte nicht schweigsam zuschauen, was alles verkehrt lief im Lande, aber auch mit dem Afghanistan-Krieg.
Mit Michael Gorbatschows Glasnost und Perestroika erhielt Kino die Aufmerksamkeit
Wenn Menschen befreit aufatmen können, es wagen, öffentlich wieder ihre Meinung zu sagen, entsteht natürlich ebenso ein Raum für Neues. Kein geringerer als Michael Gorbatschow ebnete diesen Weg in der alten Sowjetunion mit seinem Amtsantritt im März 1985. Zwei Jahre später gelang Kino endlich der Durchbruch mit ihrem siebten Album „Blutgruppe“. Selbstverständlich waren die Texte politisch mutiger verfasst, forderten die Jugend auf, den sich wandelnden neuen Staat mit zu gestalten. Zoi und die Band Kino wurden die populärste Rockband Russlands. Er begann die USA zu bereisen, trat in unterschiedlichen Filmen auf. Aber seinem alten Job als Heizer blieb er dennoch treu. Im Gegensatz zum Westen gab es hier in Russland eben keine riesige Gagen, so daß er mithilfe seiner Arbeit die Band entsprechend sponsern konnte.
Nach dem Höhepunkt verunglückte Zoi auf tragische Weise
Es muß ein unvergeßliches Erlebnis für alle Anhänger und Freunde der Rockband Kino gewesen sein, als sie 1990 im Moskauer Olympiastadion Luschniki vor 62.000 begeisterten Zuschauern ihr größtes Konzert gaben. Im Sommer des selben Jahres arbeitete Zoi in Lettland an einem neuen Album, entwickelte dort die Songs, studierte seinen Gesang ein. Mit den Gesangsaufnahmen begab er sich abends am 14. August mit dem Auto auf den Weg nach Leningrad. Es sollten mit den anderen Bandmitgliedern die Songs eingespielt werden. Doch Wiktor Zoi kam nicht dort an, sondern er verlor in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages in der Nähe von Riga die Kontrolle über seinen Wagen. Dieser stieß dabei mit einem Bus zusammen, wobei Zoi sofort verstarb. Aber die Aufnahmen wurden noch gut erhalten gefunden, so daß die Schallplatte mit dem Namen „Schwarzes Album“ dennoch erscheinen konnte. Ein Jahr später löste die Band sich auf. Der Musikstil von Kino wurde manchmal verglichen mit Bands wie The Clash, Depeche Mode, Joy Devision und The Smiths. Darüber sollten sich aber die Hörer wohl besser selbst ein Urteil bilden.
Wiktor Zoi sagte mal: ‘Veränderungen!’ fordern unsere Herzen. ‘Veränderungen!’ fordern unsere Augen. In unserem Lachen, in unseren Tränen und im Puls der Adern: ‘Veränderungen! Wir erwarten Veränderungen!
Gedenken wir dieses großartigen Rockmusikers, der die Musikszene Russlands nachhaltig mitgeprägt hat und viel zu früh auf tragische Weise sein Leben verlor. Doch seine Musik bleibt uns für immer erhalten.
Ihr
Lotar Martin Kamm
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