Arbeit ja – aber welche?
30.11.11
Die Aussage der Überschrift ist bei mir im Betrieb (in Süddeutschland verortet) häufiger ein Thema, auch wir haben einen hohen Anteil an Leiharbeitnehmern. Warum schreibe ich darüber?
Ich gehöre zu diesen Leiharbeitnehmern, glücklicherweise habe ich persönlich einen Arbeitgeber, der mich vergleichsweise gut bezahlt und behandelt.
Jedoch: Man hört und sieht auch weniger erfreuliches.
Ausbeutung durch Leiharbeit – Schreib uns deine Meinung! mag andeutungsweise eine Ahnung vermitteln, wie es um die Arbeitswelt in Deutschland im 21. Jahrhundert bestellt ist.
Die Tendenz zu mehr Leiharbeit ist ungebrochen: Immer mehr miese Jobs
Derzeit kann man im Widerspruch dazu fast überall lesen oder hören, dass die Situation auf dem Arbeitsmarkt im Vergleich „zu früher“ so gut geworden sei. Ist das so? Im Gespräch mit ein paar Kollegen kamen wir nach einigen Fragen auf substantielle Antworten, die so nicht unbedingt in der Zeitung stehen:
FRAGE: Arbeit ist doch vorhanden und in manchen Regionen – zum Beispiel in Bayern und Baden-Württemberg kann man sich Arbeit schon beinahe aussuchen, oder?
ANTWORT: Ja, schon – wenn man Ingenieur ist (jung und zugleich erfahren!), am besten zwei Fremdsprachen sprechen kann (davon eine fließend!) und im „richtigen“ Fach studiert hat (z. B. Maschinenbau, Fahrzeugbau). Dann sieht es in der Tat gut aus.
FRAGE: Aber man hört doch, daß es für viel mehr Menschen Arbeit gibt. Auch für die breite Masse?
ANTWORT: Im dritten Quartal 2011 gab es knapp 920.000 offene Stellen auf dem ersten Arbeitsmarkt. (Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung).
FRAGE: So viele offene Stellen? Wieso gibt es dann noch Arbeitslose?
ANTWORT: Weil die Anzahl der Arbeitslosen die der offenen Stellen bei weitem übersteigt, als nachträgliche Anmerkung einige Daten und Fakten:
Tatsächliche Arbeitslosigkeit im Oktober 2011: 3.799.096 Offizielle Arbeitslosigkeit: 2.736.926 Nicht gezählte Arbeitslose: 1.062.170
Nicht gezählte Arbeitslose aufgeschlüsselt:
Älter als 58, beziehen Arbeitslosengeld I und/oder ALG II: 376.019
Ein-Euro-Jobs (Arbeitsgelegenheiten): 187.135
Fremdförderung: 66.029
Beschäftigungsphase Bürgerarbeit: 15.368
Berufliche Weiterbildung: 173.581
Aktivierung und berufliche Eingliederung (z.B. Vermittlung durch Dritte): 147.195
Beschäftigungszuschuss (für schwer vermittelbare Arbeitslose): 11.495
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen: 847
Kranke Arbeitslose (§126 SGB III): 84.470
Quellen: Bundesagentur für Arbeit: Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Deutschland. Monatsbericht Oktober 2011.
<Eine wirklich genaue Erfassung der jeweiligen Zahlen ist sicherlich problematisch, es kommt jedoch nicht auf eine mathematisch exakte Zahl an, sondern welche Probleme und Erkenntnisse sich aus der Situation hinter dem Zahlenmaterial ergeben.>
Selbst bei freundlicher und optimistischer Betrachtung ist die Situation nicht rosig.
FRAGE: Mag ja sein, wir haben halt Wettbewerb. Aber wer „fit“ ist, kriegt doch trotzdem Arbeit – und wer arbeiten will – doch erst recht?
ANTWORT: Mit ein wenig Glück (wenn man eventuell ein wenig jünger, besser ausgebildet und vielleicht gerade zum richtigen Zeitpunkt das „richtige“ Profil hat) kann es tatsächlich mit einer neuen Arbeit klappen. Aber das richtige Profil ist eine zunehmend schwer erfüllbare Bedingung, denn die neu entstandenen Berufe/Jobs sind jedoch nicht nur zahlenmäßig weitaus weniger als die alten – sie stellen auch immer höhere Anforderungen. Deshalb haben immer mehr Arbeitswillige mit veralteten/unerwünschten Eigenschaften (Qualifikation, Alter, etc.) trotz offener Stellen keine Chance mehr am Arbeitsmarkt. Auch der Qualifikationswettbewerb verschärft sich parallel zum technologischen Fortschritt. Die ewig steigenden Anforderungen sind für durchschnittliche Menschen nicht oder nicht mehr ausreichend erfüllbar. Erkrankungen wie Burn-Out und Streßerkrankungen nehmen explosionsartig zu. Burn-Out-Syndrom auf dem Vormarsch
FRAGE: Was soll dann diese kritische Sichtweise? Einen Job zu haben ist doch gut?
ANTWORT: Glücklich jene, die heute noch in unbefristeter Stellung fest bei einem Arbeitgeber angestellt sind, dies gilt weniger für sogenannte Zeit- oder Leiharbeiter und/oder befristet Angestellte (am ungünstigsten ist die Kombination aus befristetem Anstellungsverhältnis und Leiharbeit), die sich wohl eher nicht so glücklich schätzen können.
Ungefähr die Hälfte der Neueinstellungen sind befristet. Wer befristet angestellt ist, dessen Arbeitsverhältnis endet mit dem „Verfalldatum“ des Arbeitsvertrages. Das sind Perspektiven, die dem Leben des Betroffenen und auch seiner Familie sicher nicht förderlich sind. http://doku.iab.de/aktuell/2011/Befristete_Beschaeftigung_Uebernahme.pdf
FRAGE: Risiken haben wir doch alle – einen Job zu haben bietet doch auch Chancen, oder nicht?
ANTWORT: Wenn die Anstellung unbefristet, der individuellen Entwicklung sowie einer daraus resultierenden Zukunftsperspektive förderlich ist. Wenn sie im weiteren Sinne befriedigend und adäquat bezahlt ist, das heißt, daß das Einkommen für eine Gestaltung des persönlichen Lebens seiner Familie ausreicht, dann könnte man grob gesagt eine solche Situation als Chance im beruflichen Leben definieren.
In der Wirklichkeit sieht es anders aus:
Circa ein Fünftel der Beschäftigten (ohne Schüler/innen, Studierende, Rentner/innen und Beschäftigte mit Nebenjobs) werden mit Löhnen bezahlt, die unter 8,50 Euro in der Stunde liegen. Die Niedriglohn-Grenze in Deutschland liegt unter 9,50 Euro in der Stunde. So sehen echte Chancen nicht aus. Neue Zahlen zur Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland
FRAGE: Aber die Unternehmer müssen doch ihre Kosten kontrollieren und minimieren und Lohnkosten sollten doch am besten so gering wie möglich ausfallen?
ANTWORT: Letztendlich kaufen die Menschen Produkte und Dienstleistungen von dem Geld, das sie verdienen. Verdienen sie wenig, kaufen sie wenig. Die Frage, ob das für die Unternehmen und ihre Umsätze gut ist, kann man sich selbst beantworten.
FRAGE: Wenn Unternehmen ihre Kosten immer mehr drücken, entziehen sie sich selbst die Grundlage?
ANTWORT: Richtig.
FRAGE: Ja, aber die Unternehmen stehen doch alle unter dem Druck, die Kosten zu senken, so funktioniert doch unser System?
ANTWORT: So „funktioniert“ das gegenwärtige System, jedoch wird es das nicht mehr lange – es entzieht sich selbst die Grundlagen.
FRAGE: Wie wär’s denn mal mit Lösungen? Angeblich ist doch alles alternativlos, so wie es ist?
ANTWORT: Das gegenwärtige System kann man relativ leicht so umstellen, daß Unternehmen nicht mehr in einen ruinösen Lohnsenkungs-Wettbewerb gezwungen werden. Man kann durch ein kluges Besteuerungssystem – über eine nach Beschäftigungsquote gestaffelte, echte Umsatzsteuer – Geschäft mit Beschäftigung verknüpfen, so daß sowohl den Interessen der Arbeitgeber- als auch der Arbeitnehmerseite gedient ist. (Das Bandbeitenmodell – Kurzversion)
Dieses Besteuerungssystem ist so effizient, daß alle anderen Steuern dafür entfallen können. Das bedeutet, daß vor allem die Einkommen der Bevölkerung durch den Wegfall der Besteuerung stark steigen. Was ein deutlich höheres Einkommen, also höhere Kaufkraft bewirkt, kann man sich selbst beantworten. Man kann sich mehr leisten. Was auch letztendlich den Unternehmen nützt.
Der gegenwärtige Zustand ist nicht unabänderlich. Er ist weder alternativlos, noch ist er vom Himmel gefallen. Mit etwas gutem Willen und konstruktiver Bemühung lassen sich die sozialen Probleme in den Griff bekommen.
Also: Reden wir darüber. Mit allen, die ansprechbar sind, und die wir ansprechen können. Veränderungen fangen in den Köpfen an.
Ihr
Roland
Weitere Artikel:




















