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Und wieder haben Natur und Völker sich zu fügen – das Drama in Belo Monte

Verfasst von: admin am April 24, 2011 Kein Kommentar

24.04.11

Stets gewinnt die Interessengemeinschaft der Wirtschaft in trauter Hochzeit mit der Politik, ganz egal wie aussagekräftig die berechtigt entrüsteten Argumente der Gegner sind. Das Merkwürdige daran: Am Ende obsiegt Profit, während die Natur und Völker sich zu fügen haben. Auch in Belo Monte am Ufer des Xingu in Brasilien verhält es sich mit derselben eiskalten Gesetzmäßigkeit. Was Mitte der 1970iger Jahre begonnen hatte, und zwar mit einem geplant gigantischgroßen Stausee von etwa 2.000 km², wobei auch der Nebenfluß Rio Bacajá mit aufgestaut werden sollte, mußte zwar gegen Ende der 1980iger Jahre aufgrund massiver Proteste von Ureinwohnern und Umweltschützern zurückgezogen werden, scheint aber jetzt nach der Planung einer abgespeckten Version mit immer noch 500 km² unter dem damals amtierenden brasilianischen Präsidenten, Lula da Silva, während seiner Amtszeit (vom 1. Januar 2003 bis zum 1. Januar 2011) Wirklichkeit werden zu können.

 

Betrachten wir uns zunächst einmal die Landschaft etwas genauer, um die es hierbei geht, und vor allem die indigenen Völker. Bisher haben weder die brasilianische Regierung noch die am Wasserkraftwerk beteiligten Firmen Kontakte zu den betroffenen Völkern aufgenommen. Hierbei sind in der Hauptsache die Volksstämme der Assurini, Jurana und Kayapó betroffen, die dann heimatlos werden würden, eine Vorstellung über Umsiedelungsprojekte oder andere Alternativen fanden bisher ebenso nicht statt. Die Behauptungen der Befürworter des Staudammes, die indigenen Völker würden ohnehin in Siedlungen wohnen und nicht auf dem betroffenen Gebiet, sind dennoch nichtig, eben weil die Völker es zur Jagd und den Fluß zum Fischfang benötigen. Mit der Aufstauung des Rio Xingú verändert sich somit ein sehr komplexer Lebensraum. Im stehenden Gewässer sterben die wichtigen Flussfische der Waldindianer, der Tropische Regenwald wird zerstört, Seen und kleinere Tümpel, die sich bei bevorstehenden Pegelschwankungen aufgrund der Aufstauung bilden werden, rufen eine ideale Brutstätte für die gefürchtete Malaria und auch andere Krankheiten hervor. Die Verzweiflung der Betroffenen ist durchaus berechtigt, alldieweil die brasilianische Regierung schon in der Vergangenheit die Versprechen zu Ausgleichs- und Entschädigungszahlungen obendrein sehr selten eingehalten hat. Von einer Vertrauensbasis kann folglich erst recht nicht gesprochen werden.

 

Erst kürzlich hat die neue Präsidentin, Dilma Vana Rousseff, 500 Demonstranten der Bewegung von Staudämme Betroffenen (MAB) empfangen. Sie unterstrich dabei die Bedeutung der Wasserkraft für Brasiliens Wirtschaft, die riesigen Wasservorkommen würden einen besonderen Reichtum für Brasilien bedeuten. In einem Gespräch mit Journalisten betonte ihr Sprecher und Generalsekretär der Präsidentschaft, Minister Gilberto Carvalho, daß man über vieles reden könne, aber nicht über Belo Monte, das Kraftwerk sei beschlossene Sache.

 

Gibt es Alternativen zu Belo Monte?

Sowohl brasilianische als auch internationale Experten versichern, daß die Energiesituation im Nahe gelegenen Parás auch ohne den Bau dieses Staudammes gelöst werden könne. In Wirklichkeit wird die berechtigte Vermutung geäußert, der gewonnene Strom soll der energieintensiven Aluminium-, Stahl- und Zellstoffindustrie zugute kommen. Ebenso im Bundesstaat Pará geschah die selbe Vorgehensweise mit dem Bau des Tucurui-Staudammes.


Laut einer Studie des WWF aus dem Jahre 2007 könnte Brasilien seinen Energiebedarf durch Investition in die Energieeffizienz reduzieren, und zwar bis 2020 ungefähr 40 Prozent. Und wenn man sich die ursprünglich geplanten Kosten für Belo Monte betrachtet, die anfangs noch bei 12 Milliarden Euro lagen und jetzt schon auf 15 Milliarden Euro veranschlagt sind, stehen der einzusparenden Energie eine Größenordnung von 14-Belo-Monte-Wasserktaftwerken gegenüber. Umweltschonendere Alternativen wie Solar- oder Windenergie könnten mit dem Geld gefördert werden.

 

Zurück zur eiskalten Wirklichkeit, liebe Leser. Vieles hängt jetzt an der Entscheidung der letzten Instanz, die dann zum Bau dieses Prestigeobjektes führen wird: die IBAMA (Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis – das Brasilianische Institut für Umwelt und natürliche Ressourcen). Deren Präsident, Curt Trennepohl, teilte kurzerhand mit, daß er die Umweltlizenz für die Installation des Wasserkraftwerkes Belo Monte zunächst nicht erteilen könne. Es habe das Betreiberkonsortium Norte Energia keine Bedingungen gelöst, darunter vor allem die indigene Frage. Er schlug nonchalant Änderungen der Umweltgesetze vor, damit die Verfahren beschleunigt werden und rechtliche Streitfragen reduziert sind. Interessant und als äußerst bezeichnend zu werten, ist in diesem Zusammenhang der Rücktritt seines Vorgängers, Abelardo Bayma Azevedo. Dieser bekundete vor Freunden Einschüchterungen seitens der Regierung und des Energiesektors, weil er die Umweltlizenz für das Wasserkraftwerk Belo Monte verweigert hatte.

 

Doch auch unser Land selbst hat direkt mit diesem unnötigen Prestigeobjekt zu tun. Erst kürzlich unterzeichnete das deutsche Unternehmen Voith Hydro einen Vertrag über den Bau in Höhe von 443 Millionen Euro. Dazu äußerte sich inzwischen Linda Poppe, Koordinatorin von Survival Deutschland und bemerkte zurecht, daß es eine Schande sei, wenn jetzt Voith Hydro zum Nutzen des eigenen Profits auf den Rechten und dem Leben indigener Völker herumtrampelt.

 

Die Liste der Kritiker gegen dieses Bauvorhaben wird immer länger, so sind auch prominente darunter wie Sting, James Cameron und Sigourny Weaver. Inzwischen hat sich auch die Kommission für Menschenrechte der OAS eingeschaltet und forderte den sofortigen Stop der Ausschreibungen für das Staudammprojekt, öffentliche Anhörungen der betroffenen Indio-Gruppen seien durchzuführen. Es bleibt zu hoffen, daß der Widerstand noch mehr anwächst, der internationale Druck letztlich die brasilianische Regierung zum Einlenken veranlaßt.

 

Ihr

Lotar Martin Kamm

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