Gefühle – ein Tabu? Nähe und Distanz in Liebesbeziehungen
19.02.11
Was den Menschen von einer Maschine unterscheidet, ist die Fähigkeit zu fühlen. Gefühle sind das empfindlichste und somit auch das kostbarste, was ein Mensch hat und weitergeben kann.
Die Fähigkeit zu fühlen, wird aber mehr und mehr in den Hintergrund gestellt. Das kann viele Ursachen haben. Oftmals stellen Menschen ein Gesicht zur Schau, das Anderen suggerieren soll, wie glücklich und zufrieden sie sind. Es wird gelächelt, selbst wenn man am liebsten weinen möchte. Auffällig wird das in unserer heutigen Zeit, sich hinter der Maske der aufgesetzten Fröhlichkeit zu verschanzen, immer ein lockerer Spruch auf den Lippen, ja nichts anmerken lassen, immer schön fröhlich und vergnügt. Weil es so erwartet wird, und weil sich der Mensch anpasst in einer immer gefühlskälteren Welt. Dass so keine menschliche Wärme mehr entstehen kann, sollte da nicht wundern.
Und genau hier setzt wieder ein Kreislauf ein, der sich gut vermarkten lässt. Es wird davon gesprochen, sich selbst genug zu sein, aber dabei wird übersehen, dass der Mensch im Grunde genommen ein Herdentier ist, ein Lebewesen, das Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung hat und auch braucht. So ist es nicht verwunderlich, dass sich so viele Menschen in einer Depression wiederfinden, die dann beim Therapeuten auskuriert wird oder auskuriert werden soll. Das, was eigentlich von Mensch zu Mensch selbstverständlich sein sollte –Selbstverständlichkeit, die aber auch geschätzt werden muss-, verkommt zu einem Geschäft mit den Gefühlen.
Eine erschreckende Entwicklung und ein weiterer Schritt in die Entmenschlichung. Denn verletzte Gefühle sieht man nicht, man kann sie verstecken, aber nur weil es bereits zum „guten Ton“ gehört, Gefühle nicht preiszugeben.
Ein gutes Beispiel sind hier die vielen betrogenen Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Ist eine Beziehung gescheitert, so machen die Personen einen auf „keep smiling“, um so der Welt ihre vermeidliche Stärke zu zeigen. Und so präsentieren es dann auch die Medien, schaut sie euch an, sie wurde verlassen, aber sie ist stark und zeigt es nicht. Alle anderen sind also schwach, wenn sie weinen…? Und dieses mediengeschürte Bild überträgt sich ganz schnell auf die Menschen. Jeder Mensch geht mit seinen Gefühlen anders um, der eine zeigt es, der andere nicht, Gefühle aber als Schwäche oder Stärke zu sehen, eine ganz natürliche Fähigkeit, wird somit schon wieder auf die Schiene Gewinner und Verlierer gedrückt. Der Gewinner ist hier also derjenige, der seine Gefühle nicht zeigt oder zumindest so tut, der Verlierer derjenige, der sie zeigt?
Und so entstehen für den „Verlierer“ neue Wege, seine Gefühle unterdrücken zu lernen. In Kursen, die wie Pilze aus dem Boden schießen und wofür sehr viel Geld ausgegeben wird, nur um sich etwas zu holen, was ein Anderer in einem kaputt gemacht hat. Das mag natürlich hilfreich sein, denn Gefühle lassen sich nicht eben einmal so abstellen, aber genau darauf zielt unsere heutige entstandene Welt und die daraus entstandene Gesellschaft ab. Bloß kein Gefühl zeigen, es könnte dich verletzlich machen und auf der anderen Seite, steh zu deinen Gefühlen, ja was denn nun? Klingt paradox, zielt jedoch daraufhin ab, dass die Menschen immer mehr zu Einzelgängern werden, egal wie man dies auch drehen und wenden mag, wenn es falsch vermittelt wird.
Da werden also Kurse angeboten, wie man sich selbst am besten vor seinen Gefühlen schützen kann, damit man sich selbst lieben lernt, hier beginnt bereits die falsche Vermittlung, im übrigen ist es eine sehr wichtige Herzenssache, sich selbst lieben zu können, denn wer sich selbst liebt, kann auch Liebe weitergeben, wer sich selbst liebt, wird es auch genauso in die Welt tragen können. Leider wird dieses sich „selbst zu lieben“ oft missverstanden. Der Satz „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ sagt es im Kern aus, ebenso wie der Satz: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“ macht es um ein vielfaches verständlicher, was mit der Selbstliebe eigentlich gemeint ist.
Der Irrtum liegt häufig dort, wenn es nur noch darum geht: „wie dich selbst“. Unter sich selbst zu lieben, verstehen viele Menschen, dass es in aller erster Linie mal einem selbst gut gehen muss, und tun dann auch alles dafür, dass es ihnen selbst gut geht und dies ohne Rücksicht auf den Nächsten, der dann durch den Egoismus des Anderen, der da meint sich erst einmal selbst lieben zu müssen, nur für sich gepachtet hat und meint, dass wenn der Andere ihn liebt , und zwar bedingungslos, der Andere das auch so zu respektieren hat und sich demjenigen anpasst, der im Grunde nur seine eigenen Bedürfnisse gestillt haben möchte. Wenn dann noch die Aussage kommt, der Andere müsse doch endlich mal bemerkt haben, wie er (oder sie) selbst für den Anderen empfindet, ist die emotionale Erpressung perfekt. Derjenige, der sich ungeliebt behandelt fühlt, und es in den meisten Fällen auch ist, beginnt auf den Anderen zu reagieren, indem er bemüht ist zu gefallen. Dass dies nur wieder in einen Teufelskreislauf führt und zwar in die emotionale Abhängigkeit, ist bei einer solchen Konstellation vorprogrammiert, die verletzten Gefühle ebenso. Manche Menschen lassen sich emotional soweit erpressen, dass sie daran zerbrechen, wenn sie nicht wirklich jemanden finden, der ihnen das mit der Selbstliebe erklärt, damit sie sich wieder besinnen können, was ihnen selbst gut tut und zwar mit Rücksicht auf den Nächsten.
Für eine funktionierende Beziehung gibt es kein Patentrezept, außer dass man bereit ist, immer wieder Kompromisse zu schließen, die Beiden gut tun. Oftmals ist es aber wie bereits oben beschrieben, dass sich einer der Partner unterordnet, sich verbiegt für den Anderen, um geliebt zu werden. Hier spielt das Geschlecht keine Rolle, das kann Frauen ebenso passieren wie Männern, gerade Menschen, die sehr gefühlsbetont sind, leiden oftmals neben einem Partner, der nicht so tief empfindet. Und nur allzu oft hören diese gefühlsbetonten Menschen dann den Satz: Dann geh doch, wenn es dir nicht passt. Das tut weh, denn es verletzt zutiefst und soll zeigen, dass man selbst etwas falsch gemacht hat, der Andere, der verletzt ist, bekommt die Schuld zugeschoben, und viele nehmen sie auch an, beginnen an sich selbst zu zweifeln. Und hier sollte spätestens die Selbstliebe einsetzen!
Sich selbst zu lieben, bedeutet also nicht, dass sich alles um einen selbst drehen muss, dass nur auf die eigenen Bedürfnisse Rücksicht genommen werden soll, sondern sich selbst zu lieben heißt, was man für sich selbst in Anspruch nimmt, dem Anderen ebenso zugestehen zu können. Ein ständiges Geben und Nehmen.
Heute wird es immer schwieriger, einen Partner zu finden, der das ebenso sieht. Denn unsere Konsumgesellschaft suggeriert uns täglich, dass man sich glücklich kaufen kann. Ebenso hat das Internet hier eine große (Gefühls-) Lücke entdeckt, um noch leichter seinen Bedürfnissen näher zu kommen, seinen meist egoistischen Bedürfnissen.
Singlebörsen aber auch jede andere Plattform, auf welcher sich Menschen treffen und kennen lernen können, bieten hier die Auswahl. Für Menschen, die keine Beziehung eingehen können, sich nicht bekennen können zu einer Partnerschaft, ist es hier ein leichtes, seinen eigenen egoistischen Bedürfnissen Raum zu schaffen und wird bestätigt. Das Angebot ist groß, da wird sich der oder die Richtige schon finden oder das schnelle Abenteuer. Und nicht selten finden sich hier Menschen, die Gefühlsbetonten die Liebe vorleben wollen und diejenigen, die nur ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen. Dies gibt es leider auch in der realen Welt, allerdings erleichtert das Internet das Finden. Und Bingo, schon scheint es erst einmal zu passen.
Und im Internet geht es eben auch leichter mit dem Sortieren, wer unbequem wird, der wird eben auf ignore gesetzt, fertig ist der Selbstbetrug. Der Selbstbetrug dahingehend sich nicht selbst eingestehen zu können, dass man im Grunde genommen beziehungsunfähig ist und so lange weitersucht, bis sich das nächste Opfer gefunden hat, welches dann (erst einmal) so funktioniert, wie man es selbst braucht, wie es passt. Wie ein Gegenstand, der sich problemlos austauschen oder umtauschen lässt. Im Internet geht das besonders gut, denn meist ist man weit voneinander entfernt, wenn man sich hier kennen lernt. Man kann sich über das Internet verlieben, aber eine Beziehung führen kann man nur schwer über die Distanz. Beziehungen wollen über kurz oder lang gelebt werden, denn sie leben von Nähe und Wärme. Wenn hier jedoch ein Part abblockt, Nähe nicht zulassen möchte, sich schlimmstenfalls nicht öffentlich zu der Beziehung bekennt, dann sollte man gewarnt sein. Denn Menschen, die Nähe nicht zulassen können, sind erst einmal beziehungsunfähig. Manchmal kann jedoch auch eine ganz banale Erklärung für ein solches Verhalten dahinterstehen, hier ist es jedoch ganz wichtig, dass man miteinander kommuniziert, ehrlich miteinander umgeht, bevor Missverständnisse aufkommen.
Ist man bereit und fähig, sich selbst zu lieben, kann sich selbst annehmen und bejahen, kann man dies auch nach außen tragen, was leider immer seltener wird, auf Grund der (eigenen) Bejahung zu einer Beziehung, somit dem Leben selbst, kann eine Beziehung auch über die Distanz entstehen und Bestand haben. Grundsätzlich macht es erst die Bejahung (sich selbst lieben) aus, sich auf eine Beziehung (Liebe geben zu können) einlassen zu können. Schlußendlich bleibt jedoch hier (Fernbeziehung) das Bedürfnis nach Nähe. Unabhängigkeit und Freiheit sind es jedoch, welche in unserer Gesellschaft groß geschrieben werden, so entwickelt sich mit der Zeit schleichend, jedoch stetig Gefühlskälte und Egoismus in unsere Gesellschaft.
Es geht aber auch anders herum, nämlich Menschen, die ganz schnell die Nähe suchen, die ganz schnell mit dem Betreffenden zusammenziehen wollen. Auch das ist ein Zeichen von Beziehungsunfähigkeit. Denn eine Beziehung muss wachsen, benötigt Zeit und Raum, man sollte sich erst einmal kennen lernen. Aber manchen kann es dann nicht schnell genug gehen, ebenfalls ein Zeichen unserer immer schneller werdenden Welt und dem Slogan: Ich will alles und zwar sofort.
Ein Mensch sollte jedoch auch fähig sein, alleine zu sein, sich in einem Partner nicht einen Ersatz oder eine Art Zeitvertreib suchen, sondern schauen, dass man Nähe aber auch Distanz halten kann. Ein ständiges Aneinanderklatschen, sich auf der Pelle hängen, geht nur, wenn beide so gepolt sind, oftmals erstickt man aber den Anderen mit seinem eigenen Bedürfnis nach Nähe, und man erreicht nur das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen wollte, was dazu führt, sich dem Anderen immer mehr zuzuwenden und dieser wiederum sich immer mehr zurückzieht.
Wer erkennt, was einem selbst gut tut und auch Gefühle zulässt, wird dies auch an andere weitergeben können. Es geht hier nicht um das bedingungslose Lieben, bedingungslose Liebe gibt es nicht, es gibt nur ein Miteinander, ein immer wieder auf sich zugehen und reden. Halten und gehalten werden. Festhalten und loslassen, um wieder aufeinander zugehen zu können. Halt kann nur geben, wer selbst auch halten kann.
Zuneigung kaufen, kommt auch häufig vor und ist ebenfalls ein Zeichen dafür, die Bedürfnisse des Anderen nicht zu respektieren. Beziehungsunfähige Menschen tun dies, weil sie nicht in der Lage sind, Gefühle zu äußern und wenn schon nicht aussprechen können, schlimmstenfalls nicht einmal zeigen können, dann doch wenigstens über ein Geschenk demonstrieren. Beschenkt zu werden ist etwas Schönes, verliert jedoch an Wertigkeit, wenn das Gefühl darüber hinaus nicht beachtet wird, wenn die Gefühle durch ein Geschenk ersetzt werden sollen.
Konsumgut ersetzt keine liebevolle Berührung, kein liebes Wort, auch wenn es in unserer heutigen Zeit immer wieder so (über die Medien) suggeriert wird. Berührungen finden in der Realität statt und können durch nichts ersetzt werden. Berührungen sind Lebenselixier, was nichts kostet aber unendlich gut tut und lebensnotwendig ist. Es gibt Menschen, die an Einsamkeit sterben, man kann auch innerhalb einer Beziehung vereinsamen, dies nennt sich dann: Zweisam einsam und gibt es häufiger, als man denkt, weil Menschen sich so schwer mit der Kommunikation tun oder dem Loslassen, leiden sie lieber still vor sich hin.
Eine weitere Art der emotionalen Erpressung, zu welchen meist Männer greifen, eine Frau in ihre Abhängigkeit zu bekommen. Oftmals sollen die Frauen zu Hause bleiben, nicht arbeiten gehen, wenn der Mann die Brötchen verdient. Unter dem Deckmäntelchen, sie auf Händen tragen zu wollen, ihr keine Arbeit zumuten zu wollen, verbirgt sich jedoch lediglich eine Angst. Angst zu verlieren, und ein Besitzdenken, eine Frau, die eigenes Geld verdient, somit auf eigenen Beinen und finanziell unabhängig leben kann, birgt die Gefahr, den Mann zu verlassen. Für Männer, die in einer Partnerin einen Besitz sehen, der gefügig gehalten werden muss, denn Menschen, die abhängig sind, werden gefügig, die größte Gefahr. Man kann aus seiner eigenen Angst heraus Menschen gefügig machen, dies ist nur ein Beispiel für unzählige weitere, was mit emotionaler Erpressung zu tun hat. Ein Mensch ist aber kein Besitz, hier setzt wieder das Besitzdenken ein, unter welchem die Gesellschaft bereits leidet in jeglicher Hinsicht und Beziehung. Lesen Sie hierzu auch das Buch von Erich Fromm „ Die Kunst des Liebens“.
Es ist einfacher, seinen Besitz zu teilen, als von sich selbst etwas herzugeben, aber genau das macht eine lebendige Beziehung aus. Gefühle kann man virtuell und auch visuell erzeugen, gelebt werden sie aber dann in der Realität. Menschen gehen unterschiedlich mit ihren Gefühlen um, wer sie aber gar nicht zeigen und leben kann, der ist beziehungsunfähig (hier gibt es verschiedene Ursachen), und das sollten Menschen, die eine Beziehung eingehen, egal ob erst einmal virtuell oder durch ein sich kennen lernen im realen Leben, beachten. Manchmal gelingt es auch mit viel Geduld den Panzer zu knacken, den gerade meist Männer um sich herum errichtet haben. Viele Männer reden nicht gerne über ihre Gefühle, damit stehen sie sich meist selbst im Weg. Sie leiden dann lieber still in sich hinein, aber eine Frau kann nun mal einem Mann nicht in den Kopf sehen, und so wird eine Schutzhaltung meist fehlinterpretiert.
An dieser Stelle möchte ich Ihnen ein Buch ans Herz legen, der treffende Titel lautet: „Ich lieb dich nicht, wenn du mich liebst“ von Dean C. Delis & Cassandra Philips und beleuchtet sehr gut und verständlich Nähe und Distanz in Liebesbeziehungen und geht im hinteren Teil auch auf Besonderheiten ein.
Passen Sie auf Ihre Gefühle auf, aber schließen Sie diese nicht hinter einer dicken Mauer ein. Eine Mauer mag schützen, sie hat aber auch den Nachteil, nichts mehr, was einem zutiefst gut tun würde, an sich herankommen zu lassen.
Vielen Dank für Ihr Interesse
Ihre
Petra Hanse



















