Politik und Gesellschaft – der ewige Irrgarten
07.08.10
Wenn mahnend von der schweigsamen Masse die Rede ist, dann geht es nicht darum, einen „Schuldigen“ zu suchen, sondern auf Gefahren hinzuweisen, die durch Ignoranz entstehen können. Zweifelsohne befinden wir uns in einer Zeit des politischen Wirbelsturms, so dass man als Bürger schnell den Überblick verlieren kann. In einem Staat geht es aber immer um eine Gesamtverantwortung, denn die Systemgrundlage bilden wir alle, nicht nur vereinzelte Politiker. Genau wie diese normalerweise dem Wohle des Volkes verpflichtet sind, tragen aber auch wir eine Verantwortung, und zwar uns selbst und auch Mitmenschen gegenüber. Leider war es im Verlauf der Geschichte bisher immer so, dass der politische Extremismus, welcher viele Gesichter hat, für einen gewissen Zeitraum ungehindert seine Wege gehen konnte, und ein Wandel dann nur aus der Unzufriedenheit der Bevölkerung heraus entstand. Nach Jahrzehnten schweigsamer, politischer Enthaltung reagierten Bürger immer erst, wenn gar nichts mehr ging und der gesamte Staat ins „Aus“ manövriert wurde. Allerdings handelte man dann auch nicht aus der Vernunft heraus, sondern aus dem Bauchgefühl, was immer wieder in einem gesellschaftlichen Extremismus, im schlimmsten Fall sogar im Krieg endete.
Warum wiederholt sich alles immer wieder?
Nach den ganzen dramatischen Erfahrungen im Verlauf der Menschheitsgeschichte sollte sich jeder einmal die Frage stellen: Warum werden die gleichen Fehler, trotz gemachter Erfahrung, immer wiederholt? Blicken wir hierzu einfach mal zurück, und schon wird man erkennen, dass die Politik ein jedes Mal nur das Spiegelbild der Gesellschaft war. Nach dem Krieg war Deutschland kaputt, alles musste wieder aufgebaut werden. Also gaben die Menschen im Land gemeinschaftlich alles, um wieder in einer halbwegs heilen Welt zu leben. Der Schock saß noch tief, und so hielten sich auch Politiker relativ an die Spielregeln. Irgendwie harmonierten die Menschen, denn sie hatten ein gemeinsames Ziel: den Wohlstand wieder aufzubauen. Tatsächlich gelang ihnen das auch, und zwar schneller als gedacht. Kaum gab es wieder etwas zu „gewinnen“ und Posten zu besetzen, war von Vernunft weit und breit nichts mehr zu sehen. Jeder wurde des nächsten Denunziant, arbeitete Akkord, um mehr zu besitzen wie der Andere und merkte nicht, dass er alleine dadurch den Arbeitsmarkt so sehr kaputt machte, dass auch er morgen genau durch diese Handlung erpressbar wurde. Wieder einmal sperrte der „Bauer“ sich also selber in einen Käfig und leitete sich selber in eine zwanghafte Lebensform. Die Unvernunft, die in dieses schwere Schicksal hineinführte, begann sich also zu wiederholen.
Es ist ganz simpel: Wenn der Mensch nicht aus eigener Erkenntnis, vor einem Zusammenbruch, die Bereitschaft zur Handlung an den Tag legt, dann kann man nicht erwarten, dass ein Wandel, entstanden aus einer Notsituation heraus, das Leben der Menschen grundlegend verändert. Festzuhalten an ewig gleicher Gesellschaftsnorm, hat noch nie einen humanen Fortschritt ermöglicht. Ja, wir haben inzwischen Flugzeuge, Mobiltelefone, tägliche neue Spielereien, aber trotzdem hat sich unser eigentlicher Verstand seit der Steinzeit nicht weiterentwickelt, denn unsere Instinkte und Emotionen haben wir vernachlässigt. Entwickeln kann der Mensch sich aber nur, wenn er diese Faktoren berücksichtig und sie als Mittelpunkt des Lebens anerkennt, bei allen Handlungen und Gedankengängen. Über Jahrhunderte wurde das Wissen geschult, nicht aber die Fähigkeit das Wissen zu verarbeiten und eigenständig in eine ganz neue Richtung zu entwickeln. Alle Entwicklungen beruhen auf dem gleichen Prinzip, was auch wieder deutlich macht, dass wir uns in einem ewig gleichbleibenden Kreislauf verirrt haben.
Politischer Extremismus – Humanität ade
Aus dem Kontrast der erschaffenen Illusion heraus betrachtet, bildet sich immer wieder ein politischer Extremismus nach gleichem Muster – doch der Bauer, welcher in Trance versetzt wurde, merkt es immer erst, wenn es zu spät ist. Ist ein Land geprägt von einer ausgleichenden Lebenshaltung, so ist ein Wohlstand für alle möglich, aber kein utopischer Reichtum für einige wenige Verantwortliche. Im Ansatz befanden wir als Nation uns genau auf diesem Weg. Doch wie bereits geschildert, wurde jeder des nächsten Denunziant, und so ging dies natürlich auch nicht spurlos an Politiker vorbei. Menschen im Staat lebten im Fluss der Zerstörung, und so dachten sich die Regierenden mit Sicherheit: Warum sollen wir im Sinne des Volkes handeln, wenn das Volk selber sich den natürlichen Lebensraum aus der Gier heraus raubt? Durchaus ist es leicht die Verantwortung immer von sich zu weisen, aber wenn wir bessere Lebensbedingungen fordern, dann müssen wir diese auch selber vorleben können, und das erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Verständnis. Um ein Beispiel zu nennen: Im gesellschaftlichen Alltag verfallen immer wieder Personen in eine Welle der Kritik gegenüber ihren Mitmenschen. Es wird maßlos kritisiert und abgewertet, nur weil man individuelle Lebenswege anderer Menschen nicht gelernt hat zu akzeptieren und nicht bereit ist sich in andere Gedankengänge hineinzuversetzen. Zurückzuführen ist dieses Konstrukt der Boshaftigkeit unter anderem auf unser Bildungssystem, denn man lehrte das Wissen, nicht aber den Umgang mit Emotionen und Verständnis – diese waren nie erwünscht.
Die Wurzel des politischen Extremismus liegt also immer auch im Gesellschaftsbild. Fordern, kritisieren, erniedrigen und dauerhaft Druck ausüben auf sich und seine Umwelt – sicherlich ein wirtschaftspolitisches Bild, aber genauso auch das Bild der Masse, die diesen Weg ohne zu hinterfragen über Jahrzehnte mitträgt und das eigene Leben davon bestimmen lässt. An dieser Stelle möchte ich an folgende Wortgebilde erinnern: wenn ihr etwas ändern wollt, dann fangt bei euch an – werdet bessere Menschen und ihr kriegt eine bessere Welt.
Gesellschaftlicher Extremismus – Gewaltbereitschaft steigt
Deutlich ist also zu erkennen, dass man politischen Extremismus nicht verhindern kann und indirekt nährt, wenn man nur fordert und voller Unzufriedenheit an allen Wegen Kritik übt. Längst ist ein gesellschaftlicher Extremismus entstanden, der sich nicht nur gegen die Politik, sondern auch gegen kreative Denker richtet. Man hat Angst um das Sozialsystem, fixiert sich aber auf die „Armut“ im Land und will nicht erkennen, dass sich ein starkes Sozialsystem nur aufbauen lässt, wenn man auch daran arbeitet die Armut in den Nachbarländern zu reduzieren. Um die Natur hingegen macht man sich weniger Gedanken, obwohl diese als Lebensspender fungiert und somit ein unverzichtbares Gut des Menschen ist. Wieder einmal geht es also auch hier nur ums liebe Geld, um Neid gegenüber der herrschenden Klasse, weil man ihnen selbst etwas genommen hat, und zwar eine solide und sichere Grundexistenz. Betont man dann, dass diese sich aus dem natürlichen Kreislauf ableitet, will kaum jemand etwas davon hören. Positive Änderungen werden gefordert, man hofft auf ein faires System, löst sich aber selber nicht von alten Wegen. Infolgedessen entsteht eine gegenseitige Kritikwelle, die alles in Frage stellt, was nicht altbekannt ist. Resultierend aus dieser ablehnenden Haltung entsteht eine noch größere Unzufriedenheit, da man nicht vorwärts kommt, was wiederum in einer immer höheren Gewaltbereitschaft sich äußert. Verbale, aber auch körperliche Gewalt haben gerade in Familien- und Freundeskreisen massiv zugenommen, denn man lässt sich gegenseitig keinen Platz für eine individuelle Lebenshaltung – wieder eine Folge des „Zwangs“. Jeder fordert vom anderen wie er zu leben hat und klassifiziert ihn. Einen schlimmeren Nährboden für Extremismus könnte es nicht geben.
Mit Sorge blicke ich selber auf das, was sich da im Moment abzeichnet. Der Umgang untereinander wird immer kälter, die Gewalt steigt maßlos. Dabei sollte man gelernt haben, dass nur die Wärme untereinander eine antihumane Politik beenden kann. Vertrauen und nicht Misstrauen, Freundschaft und nicht Feindschaft, sich aufhelfen und nicht nachtreten, darum geht es, und dann ist kein Konzept mehr utopisch, und wo kein gesellschaftlicher Extremismus gelebt wird, kann auch ein politischer Extremismus nicht überleben.
Es gibt Zeiten, wo man sich erheben muss, aber mit der Stimme der Vernunft
Inzwischen stehen wir wieder vor einer Zeit der Umbrüche, und es liegt allein an uns, ob es wieder eine Kurzschlusshandlung wird, die im selben Kreislauf mündet wie aus der Vergangenheit bekannt, oder ob es ein friedlicher, sinnvoller Gesamtumbruch wird, der uns zu einer vollkommen neuen Lebensart führt, die auf langer Sicht Bestand hat. Nur wenn der Mensch in der Lage dazu ist, vorausschauend aus eigenem Willen sich auf neue Ideen einzulassen und sich diesen nicht verwehrt, haben wir eine Chance nach Jahrhunderten endlich mal unseren Lebensweg zu überdenken und neu zu ordnen. Dieses Prozedere kann man aber nicht auf den Schultern der Politik verlagern, man kann es auch nicht mit sonnloser Dauerkritik umsetzen, sondern nur durch ein aufrechtes und ehrliches Miteinander.
Ich schließe mit einem eigenen Zitat:
Hat der Mensch Angst vor vollkommen neuen Gedankengängen, schließt er sich selbst in einen Lebenskäfig und wird niemals in der Lage sein, seinen Mitmenschen Vertrauen zu schenken. Nur wer in der Gesamtheit frei ist, wird auch die Verantwortung der Menschlichkeit vorzeitig tragen können.
Ihr
Joachim Sondern
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