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Reallöhne – das Spiel mit der Statistik

Verfasst von: admin am Juli 4, 2010 Kein Kommentar

04.07.10

Die Welt ist wieder in Ordnung oder zumindest der deutsche Arbeitsmarkt, so zumindest könnte man denken, wenn man der Informationsflut von Einheitspresse Glauben schenkt. Deutlich wird, dass ein Großteil der öffentlichen Presse sich missbrauchen lässt und gezielt erschaffene Beruhigungsmeldungen in das Volk hineinträgt. Wieder einmal pokert man nach „vorbildlicher“ Manier mit Statistiken, Durchschnittswerten und Zahlenkonstrukten – als wären alle Journalisten plötzlich einer geheimnisvollen, neuen mathematischen Formel verfallen. Die Zahlen wirken angenehm, doch die Armut bleibt.


Reallöhne gestiegen?

Neusten Meldungen zufolge sind in fast jedem Gewerbe die Reallöhne durchschnittlich um 0,8% gestiegen, erstmals seit Beginn der Wirtschaftskrise. Tatsächlich sei der Bruttomonatsverdienst sogar um 1,6% gestiegen, wobei 0,8% aber durch die Inflationsrate „geschluckt“ wurden. Wer jetzt denkt, dass dies auf einen Lohnerhöhungstrend zurückzuführen sei, der irrt gewaltig, denn selbst Experten der Wirtschaft betonen, dass der „Real“-Lohn Anstieg auf die rückgängige Zeitarbeit zurückzuführen sei. Zum Höhepunkt der Krise waren rund 1,5 Millionen Menschen in Kurzarbeit, während es aktuell etwa nur noch 600.000 Menschen sind.


Was verschwiegen wird, ist die Tatsache, dass im Januar und Februar auch die Arbeitslosenquote anstieg, wonach sich im Januar 342.000 Menschen arbeitslos melden mussten. Auch das ist im ersten Quartal zu berücksichtigen: Arbeitssuchende, die man in Zeitarbeit ausgelagert hat und die nach einiger Zeit wieder in die Arbeitslosigkeit gefallen sind und somit aus der „realen“ Lohnstatistik verschwinden.


Ein weiterer Grund ist der Anstieg der Arbeitszeit, wodurch natürlich auch die Bruttogehälter wieder ansteigen. Der Arbeitnehmer musste also eine Mehrleistung erbringen, und somit gibt es keinen gestiegenen Reallohn, denn der Lohn wurde nicht der Leistung angeglichen, so wie es nach einer Talfahrt sein sollte. Nicht der Stundenlohn hat sich erhöht, sondern nur die Arbeitsstunden.


Ja, mit Durchschnittsstatistiken ist das schon so eine Sache, da diese stets aus dem relativen Winkel zu betrachten sind. Es wird auf der einen Seite zwar mehr produziert, wodurch manche Arbeitnehmer wieder mehr Stunden beschäftigt werden, dafür aber noch immer nicht ein Bruttodurchschnittsgehalt erhalten, was einer Industrienation würdig wäre. Das Spiel der Ausbeutung nimmt also ungehindert seinen Lauf.


Im zweiten Quartal ist die Arbeitslosenquote saisonbedingt wieder gesunken, dadurch hat sich aber das Problem wieder auf ARGE Maßnahmen ausgelagert. Wie üblich werden gerade zum Sommer hin mehr Menschen zwanghaft dazu aufgefordert, an verschiedenen Angeboten der ARGE teilzunehmen, da sonst eine Sanktion auf die Betroffenen zukommen könnte. Berücksichtigt man diesen Faktor, so hat sich die Gesamtlage eher verschlechtert, da Menschen aus der Zeitarbeit heraus wieder in die Maßnahmenfalle gerutscht sind. Auch ist zu berücksichtigen, dass die saisonbedingten Arbeitsstellen oftmals nicht als Zeitarbeitsplätze angesehen werden.


Ersichtlich wird dieses ganze Spiel auch in einem Artikel der Wirtschaftswoche aus dem Jahr 2005, in dem bereits von 9,1 Millionen Arbeitslosen die Rede war, da ältere Arbeitslose, Menschen in Maßnahmen der Kommunen, etc. nicht in der Statistik berücksichtigt wurden.


Blick auf die Realität

Bedingt durch die desolate Leistungshonorierung wird das Volk zwar wieder zu Mehrleistung angetrieben, verfällt aber trotzdem der Armut. Arbeit muss sich wieder lohnen, und das ist in diesem derzeitigen Dumpinglohnsystem mit großer Sicherheit nicht der Fall. Die Wirtschaft muss sich dem Menschen unterordnen, denn sie hat primär für das Wohlergehen der Gesamtheit zu sorgen. Bereits vor der Wirtschaftskrise nutzte man den Exportaufschwung in Deutschland, um die Arbeitnehmer länger arbeiten zu lassen, und während die Gewinne der Raubritterindustrie in die Höhe schossen, mussten sich die Arbeitnehmer weiterhin mit schleichendem Lohndumping abfinden. Warum hat es anfänglich keiner gemerkt? Nun, das ist ganz einfach, wenn die Auftragslage stimmt, muss der Mensch mehr Leistung erbringen und hat bedingt durch die vielen Arbeitsstunden mehr Geld auf dem Konto und ist zufrieden – genau in dieser Zeit der Zufriedenheit senkt man die Reallöhne in kleinen Stufen, da die Masse meist nur für den Moment lebt. Schmerzhaft wird es dann, wenn die Wirtschaft wackelt, wie es jetzt der Fall ist, und jeder Arbeitnehmer merkt, wie viel sein „Lohn“ tatsächlich wert ist.


Ich schließe mit einem eigenen Zitat:

Würdig dienend der Statistik, verachtend handelnd, nie gelebt in menschlichen Fluss, ja gar dem eigenen Leben sich entzogen – keine Vernunft hat sich ohne den Mensch erhoben.


Ihr

Joachim Sondern

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