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Die Wohlstandslüge – es herrscht der Niedriglohn

Verfasst von: admin am Juli 28, 2010 Kein Kommentar

28.07.10

Immer wieder wurde in den letzten Wochen über den doch so positiven Konjunkturaufschwung gesprochen, darüber, dass die Zeitarbeit rückläufig ist, und immer mehr Menschen wieder einen unbefristeten Arbeitsvertrag erhalten. Erholung über Nacht? Gestern noch Sparpaket und heute schon Wirtschaftsboom? Nun, Märchen sind bekanntlich immer flexibel und lehnen sich nicht gerne an der Realität an. Daher betrachten wir das Ganze doch mal aus dem realen Fokus, und schon wird man feststellen, dass man die eigentliche Ursache nur verlagert hat: neues Gewand, doch das Problem bleibt. Die Wirtschaftskrise stagniert im Jahr 2010, der Finanzmarkt wird so massiv „künstlich“ gepuscht, dass sich jegliche negative Auswirkungen verzögern und der totale Ausbruch der Krise noch bevorsteht. Genau dieses Konstrukt wirkt sich natürlich auch auf den Arbeitsmarkt aus: man bemüht sich, so viele Menschen wie möglich vor der Arbeitslosigkeit zu bewahren, denn es zählt die Statistik. Hier geht es nämlich nicht um den humanen Faktor, denn die Rahmenbedingungen haben sich verändert, und so bedeutet „Arbeit“ schon lange nicht mehr, dass man auch in einer gesicherten, zukunftsorientierten Existenz leben kann.


Niedriglohnsektor – Entwicklung von 1998 bis 2010

Eigentlich sollte man davon ausgehen können, dass ist einem Sozialstaat, einer Industrienation, dass Wort Niedriglohn auf dem Arbeitsmarkt nicht von Bedeutung ist. Leider ist Gegenteiliges der Fall, denn bereits 2008 mussten 6,55 Millionen Menschen, laut einer Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, in Deutschland im Niedriglohnsektor arbeiten. Existenzangst wurde also zur Tagesordnung, und auch Zukunftspläne haben sich damit für die Betroffenen erledigt. Tägliche Arbeit zum Über-„leben“, und das nennt man dann noch Sozialstaat. 6,55 Millionen, das ist jeder 5. Arbeitnehmer, also 20,7 Prozent alle Beschäftigten.


Im Jahr 1995 lag der Anteil der Geringverdiener zwar noch bei 14,7 Prozent, aber auch dieser Wert ist für ein „starkes“ Sozialsystem schon viel zu hoch gewesen. Die Entwicklung ist nun schon ganze 15 Jahre deutlich erkennbar – Zeit genug also, wo man hätte als Gesellschaft auf diese Politik angemessen reagieren können. Von 1998 bis 2008 ist die Zahl der Geringverdiener um knappe 2,3 Millionen gestiegen.  Stellen wir hier also mal eine ganz simple Rechnung auf: 2,3 Millionen durch 10 Jahre, macht 230.000 Arbeitnehmer jährlich, die in den Niedriglohnsektor gedrängt wurden.  Im Krisenstartjahr 2008 waren es 6,55 Millionen und rechnet man jetzt diesen Durchschnittswert hinzu kommen wir auf 7,01 Millionen Menschen, die aktuell im Niedriglohsektor arbeiten müssen. Da die erste Auswirkung des Krisenstarts aber eher auf 2009 fiel, ist dies sicherlich noch „harmlos“ gerechnet.


Anhand dieses Entwicklungstrends wird auch deutlich, dass der Spiegelbericht aus dem Jahr 1998 „Arme immer ärmer, Reiche immer reicher und warum Arbeit in Deutschland immer weniger einbringt“ durchaus seine Berechtigung hatte. Bevor der Mensch Auswirkungen einer solchen Entwicklung aber nicht selber zu spüren bekommt, kümmert es ihn meistens nicht.


In Europa hingegen gibt es viele Länder die weit unter diesem Wert liegen. Frankreich hatte 2005 nur einen Anteil von 11,1 Prozent, Dänemark sogar nur 8,5 Prozent. Deutschland zeigt sich also schon lange nicht mehr vorbildlich in Bezug auf eine faire und soziale Welt. Auf das zu blicken, was man einmal hatte, war schon immer sehr gewagt, denn nur der Blick auf die Gegenwart, und die daraus resultierende Handlung kann die Zukunft positiv beeinflussen.


Ausbildung ist nicht das Problem

Personen, die sich dem Sozialrassismus fügen, behaupten nicht selten, dass dieser prozentuale Anteil zurückzuführen sei auf jene Arbeitnehmer, die keine fundierte, abgeschlossene Berufsausbildung ihr Eigen nennen können. Menschen, die sich so äußern, müssen sich auch die Frage gefallen lassen: glauben sie immer alles, was ihnen erzählt wird und verbreiten diese „Propagandameinung“ überall weiter, ohne sie zu hinterfragen? Exakt dieser Eindruck entsteht nämlich, wenn man sich einmal ansieht, wie sehr sich Menschen aufgrund dieses Klassifizierungssystems gegenseitig diskriminieren: da gehen Bürger auf arme Menschen los, drängen sie ins soziale Aus, nur weil es ihnen heute selber noch besser geht. Doch wie sieht es morgen aus?


Inzwischen können 71,9 Prozent aller betroffenen Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor eine abgeschlossene Berufsausbildung nachweisen. Rechnet man unter anderem dann noch Erwerbstätige hinzu, die im Besitz eines Hochschulabschlusses sind, so erfüllen 4 von 5 Arbeitnehmern im Niedriglohnsektor den Ausbildungsstandard. Anmerken sollte man an dieser Stelle noch, dass es schlimm genug ist, dass Menschen nur noch anhand von Prüfungsergebnissen förmlich eingeordnet werden. Intelligenz und Fähigkeit drückt sich nicht immer durch Prüfungsnormen aus: es gibt Maurer, die hervorragende Dichter werden, und es gibt Zeichner, die später besser Pkws reparieren können, wie jeder KFZ Meister.


Unter dem Deckmantel der Normen hat man nämlich einige entscheidende Faktoren nicht berücksichtigt: die Emotionen des Einzelnen, Kreativität, aus welcher eine Hingabe entstehen kann. Bedeutet, dass jeder Mensch, der in dem gestärkt wird, was er wirklich immer vom Herzen aus machen wollte, meist besser ist, wie ein Mensch, der sich in ein Berufsmuster eingeordnet hat aus einem Zwang heraus. Dies geschieht heute viel zu oft, da man anders kaum noch überleben kann, und genau deshalb steuern wir auf die totale Armut zu. Wir Menschen leben nicht auf dieser Welt, um uns immer wieder in einen Käfig zu sperren, gegen unser eigenes Leben anzukämpfen. Gesellschaft und Politik müssen genau diese Tatsache endlich begreifen.


Deutschland ein Armutsland? Politik muss handeln im Sinne des Volkes

Von der eigentlichen Struktur her gesehen, vom Arbeitswillen und dem Gesamtniveau ist Deutschland mit Sicherheit kein Land der Armut. Dennoch muss man sich vor Augen halten, dass jede Industrienation quasi über Nacht verarmen kann, wenn die „Masse“ nicht dazu bereit ist, eine gewisse politische Grundverantwortung selber zu tragen. Diese eigene politische Handlung muss über das Stellen einer Forderung an unsere Politiker weit hinaus gehen. Gefragt ist ein harmonischer Fluss, in dem wir Menschen füreinander da sind, denn nur ein Leben im vertrauensvollen Miteinander kann Armut verhindern. Kein Wirtschaftsgesetz kann uns Menschen im Leben so sehr schützen wie unsere eigentliche, natürliche Menschlichkeit.


Ich schließe mit einem eigenen Zitat:

Wer glaubt, ewig vor der Wahrheit fliehen zu können, hat sich bereits im tosenden Sturm der Vorurteile verlaufen und wird niemals die Bereitschaft in sich tragen können, um für einen Weg fern der menschlichen Armutsformen einzustehen.


Ihr

Joachim Sondern

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