Plicht zur Arbeit – die Rechnung Sozialrassismus geht auf
15.06.10
Unlängst ist bekannt, dass die Meinungsschere bei der Bevölkerung nirgends so weit auseinander driftet, als bei dem brisanten Thema Arbeitslosigkeit. Inzwischen sollten zwar alle Bürger gemerkt haben, dass man unsere Arbeitskraft förmlich ausbeutet, doch die Momentaufnahme zeigt ein ganz anderes Bild. Menschen mit ähnlichen Schwierigkeiten lassen sich gegeneinander aufhetzen und verschwenden meist keinen Gedanken an die Hintergründe. Das verfälschte Bild des „faulen“ Arbeitslosen hat sich über die Jahre hinweg etablieren können. Seltsamerweise wird aber nicht daran gedacht, dass es schwarze Schafe überall gibt, und die meisten Arbeitslosen inzwischen einfach keinen Mut und keine Kraft mehr haben wieder ins Berufsleben zu finden und dies nicht aus Eigenverschuldung.
Durch Bürokratie und Absagen den Mut und Ehrgeiz verloren
Oftmals muss sich ein Hartz-IV Empfänger Parolen gefallen lassen von Mitmenschen wie „Arbeitslos und Spaß dabei“, „such Dir endlich mal nen Job“ oder „wer arbeiten will, der findet auch Arbeit“. Da stellt man sich die Frage: was nützt ein Sozialsystem, wenn es nicht gelebt wird? In der Tat leben wir inzwischen in einem gefährlichen Kreislauf, der von Sozialrassismus massiv geprägt ist. Befassen wir uns doch einmal damit, warum sich immer mehr Menschen ironisch mit der Situation abfinden. Entweder verlangen Arbeitgeber einen 25jährigen mit der Erfahrung eines 50jährigen oder aber, wenn man dieses Alter wirklich erreicht hat, ist man bereits zu alt und nicht mehr tragbar. Der heutige Arbeitsmarkt orientiert sich also nicht mehr an den Menschen und achtet auch nicht auf die Merkmale des einzelnen Individuums. Ablaufpläne nach einem Gleichschaltungsschema sind vielleicht bei Robotern umsetzbar, nicht aber bei Menschen.
Heute möchte fast jeder Arbeitslose wieder ins Berufsleben finden, denn ein Leben unter Hartz ist kaum noch erträglich und macht einem normalen Menschen mit Sicherheit keine Freude. Warum gibt es trotzdem so viele Menschen, die sich inzwischen mit ihrer Situation abgefunden haben und es mit ironischen Humor ertragen? Ganz einfach, weil man nach Hunderte von Bewerbungen und der gleichen Anzahl an Absagen einfach keine Kraft mehr hat. Viele sind inzwischen sogar selber auch außerhalb von Bewerbungen tätig, empfehlen sich, setzen alles in Bewegung, um einen halbwegs vernünftigen Job zu bekommen. Wenn man irgendwann jedoch alles versucht hat, was man selber ermöglichen konnte und trotzdem kein Licht am Horizont zu sehen ist, dann verliert das größte Kämpferherz irgendwann den Mut. Damit aber nicht genug, denn da gibt es ja noch die Behauptung, dass 90% der ALG II Empfänger so leben wollen, aus Sicht mancher Bewerbungstrainer/innen. Dies kann nur ein schlechter Scherz sein, denken Sie? Leider nicht, denn diese Tunnelsichtweise existiert tatsächlich noch, und Sie würden sich wundern wie viele diese vorurteilsbehaftete Aussage noch unterstreichen. Vielleicht sollten diese „Arbeitslosenkritiker“ aber einmal bedenken, dass die Teilnehmer von einem Bewerbungstraining zum nächsten geschickt werden, über Jahre alles so gemacht haben wie es von ihnen verlangt wurde, und es trotzdem nie zu einem Erfolg kam. Beleuchtet man die eine Seite, so darf man auch die Kehrseite der Medaille nicht außer Acht lassen, die von den Kursleitern geschmückt wird, welche nicht selten ihre Unzufriedenheit an die Teilnehmer solcher Maßnahmen auslassen und diese demotivieren – dies ist kein Einzelfall, auch nicht bei jungen Menschen, die man auf das Berufsleben vorbereiten möchte. Schikane wohin man blickt, Kursleiter, die meistens nicht mal für den vorgesehenen Themenbereich qualifiziert sind und selber nur die Zeit absitzen – all das zeigt, was man als Arbeitsloser noch für einen Wert hat in einem System, welches von neoliberalen „Sozialrassisten“ geleitet wird.
Wo fängt die Pflicht an und wo hört sie auf?
Immer wieder liest man von Menschen, die noch einen Job haben, dass sie eine „Pflicht zur Arbeit“ befürworten. Aus der eigenen Unzufriedenheit heraus sollte man solche Behauptungen allerdings nicht einfach in die Welt setzen, denn es sind nur noch Phrasen und nicht mehr. Muss ein Mensch tatsächlich für einen Minimallohn arbeiten gehen, der nicht mehr einbringt als Hartz-IV? Ist es korrekt, dass ein solches Dumpinglohnsystem in einem Sozialsystem angewendet wird? Sieht der natürliche Kreislauf der Menschheit vor, dass der Mensch sich in Akkordarbeit zerstören muss, dass er 10 Berufe und mehr erlernen muss, um halbwegs auf den Arbeitsmarkt eine Chance zu haben? Entspricht es den humanen Werten, wenn ein Mensch auch auf Dauer einer Arbeit nachgehen muss, für die er einfach nicht gemacht ist? Nicht die Naturgesetze sorgen für ein Ungleichgewicht, sondern wir Menschen. Vom natürlichen Ursprung her hat jeder Mensch so individuelle Fähigkeiten, dass kein Berufsfeld überfüllt wäre, und jeder in seinem Gebiet tätig sein könnte. Wir Menschen sind sehr negativ gezeichnet, da wir immer alles kontrollieren müssen. Wenn jeder das macht, was er möchte, dann suchen alle den leichten Weg, und keiner übt mehr die schweren Berufe aus – diesen Satz hört man in diesem Zusammenhang öfter. Schon einmal darüber nachgedacht, dass jeder Mensch seine Freude und Stärke woanders sieht, und das einem das Freude macht, was für den anderen „hart“ erscheint und umgekehrt? Von Geburt ab leben wir also in einem Gleichgewicht und müssten dem Ganzen nur seinen Lauf nehmen lassen: bedeutet, so leben wie wir uns wohlfühlen und wie Körper, Geist und Seele spürbar in Harmonie zueinander stehen. Menschen rauben sich nur aus dem Kontrollgedanken, der eigens erschaffenen Gesetze, gegenseitig den kreativen Lebensraum, und erst dadurch wird die Armutswelle ausgelöst.
Als freier, demokratischer Bürger habe ich nicht jeden Job zu jeden Bedingungen anzunehmen, und genauso wie die Bevölkerung ihre Pflichten hat, muss sich auch die Regierung eines Landes ihrer Verantwortung bewusst sein. Menschen müssen über der Wirtschaft stehen und dieser nicht bedingungslos untergeordnet werden. Arbeiten als humanes Pflichtbewusstsein JA, unter jeder noch so antihumanen Bedingung jedoch ein klares NEIN !
Sie sind Sklaven und merken es nicht
Viele noch berufstätige Menschen beschweren sich, dass manch ein Hartz-IV Empfänger mehr Geld hat als ein Arbeitnehmer . Hier muss aber die Frage lauten: warum ist es soweit gekommen mit unserem Lohnsystem? Anstatt sich aber diese Frage zu stellen, schimpft man wieder auf seinen Mitmenschen, obwohl schon morgen auch diese kritische Stimme ohne Job dastehen kann und evtl. jahrelang suchen muss. Auch hört man so manches Mal „in keinem Land wird Menschen so geholfen wie in Deutschland“. In der Tat war Deutschland einst ein vorbildlicher Sozialstaat, der aber mit großer Sicherheit nicht ins finanzielle Aus gefallen ist, weil einige Menschen „zu viel“ Hartz-IV beziehen. Viele, die im Berufsleben stehen, opfern ihr Familienleben, ihre Gesundheit, ja gar ihr ganzes Leben, nur um eine Minimalexistenz zu erhalten, und genau das gefährdet unser Sozialsystem. Wir als Gesamtheit müssen auch mal geschlossen „NEIN“ sagen können, nämlich dann, wenn jegliche Menschlichkeit verloren gegangen ist. Viele Menschen arbeiten und können gerade davon leben, während dieser Mensch aber mit seiner Leistung dafür sorgt, dass gewisse Fadenzieher an seiner Armut verdienen. Durchaus kann man von einem modernen Sklavensystem sprechen. Menschen sind von Natur aus arbeitswillig und ehrgeizig, wenn man denn Perspektiven schafft und eine Zukunft hat, als einfacher „Bauer“ am Wegesrand.
Ich schließe mit einem eigenen Zitat:
Niemals darf man sich an jenem messen, dem es noch schlechter geht, sondern ist in der Pflicht durch sein Handeln dazu beizutragen, dass es allen Menschen auf diesem Planeten wohl ergeht – ohne im Daseinszwang leben zu müssen.
Ihr
Joachim Sondern




















Absolut brilliant auf den Punkt gebracht!
Vielen Dank für diesen phantastischen Bericht. Mich macht diese Menschheit und die vielen Zwänge krank. Hätte ich meiner Natur folgen können, wäre ich heute noch immer stark. Nach fast 3 Jahren Arbeitslosigkeit, völliger Entmutigung durch die vielen Absagen hat sich fast ein Menschenhass gebildet. Die Hetzparolen der Politiker und Medien gegen Hartz IV-Empfänger. Ich wünsche mittlerweile jeden dieser Hetzer den Fall in Hartz IV. Nicht mehr und nicht weniger.
Der Arbeitgeber, der mich vorbehaltlos und zu anständigen Konditionen einstellt bekommt meinen vollen Einsatz.