Home » Familie und Gesellschaft, Soziale Themen

Missbrauch: Wer zahlt den Preis?

Verfasst von: admin am März 13, 2010 Kein Kommentar

13.03.10

Liebe,

das am meist vergewaltigte Wort in unserem Sprachschatz.

Sexualität wurde uns gegeben, wir dürfen sie auch leben. Vorausgesetzt die Beteiligten wollen es auch. Dies ist eine Grundvoraussetzung und sollte für jeden oberste Priorität haben.  Nicht das was man selbst möchte, sondern immer auch in Bereitschaft des Partners oder der Partner. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Dennoch, und hier wiederhole ich mich gerne: immer nur soweit es dem nächsten Beteiligten auch gefällt und Spaß macht.

Prostitution gibt es schon immer, ich möchte mich auch nicht zum Moralapostel aufschwingen, möchte nur etwas sensibilisieren. Prostituierte, die ihren Job freiwillig machen, ist die eine Sache, aber wie viele gibt es, die dazu gezwungen werden. Wer erkennt schon, ob es sich bei der Dienstleisterin um eine freiwillige Person handelt? Es gibt viele Wege, die zur Prostitution führen, einer davon ist Geldnot. Es liegt nun bei den Betroffenen, sich dafür oder dagegen zu entscheiden.

Man findet unter den Freiwilligen auch Frauen, die in jungen Jahren Opfer sexueller Gewalt wurden. Inwieweit das dann noch freiwillig ist, bleibt dahingestellt.


Sex sells und der Handel blüht. Und wie hoch ist der Preis?

Vor einigen Jahren gab es einen Bericht in dem Magazin „Mona Lisa“ über Mädchenhändler. Hier wurden junge Frauen, Mädchen mit schönen Versprechungen gelockt. Vorzugsweise in Ländern, wo große Armut herrscht. Viele dieser Frauen kamen so an den damals größten Umschlagplatz, der sich in Athen befand. Ein Mädchen musste pro Stunde 10 Freier bedienen, eine ganze Nacht lang. Konnte ein Mädchen fliehen und wurde wieder gefangen, so wurde ihr vor den Augen der Anderen, die Füße in Beton gegossen und so ins Meer geworfen. Dies war die Methode die Anderen gefügig zu halten und zu warnen, einen Fluchtversuch zu unternehmen. Manchen Frauen gelang dennoch die Flucht, und so konnte über diese Zustände berichtet werden.

Diese Mädchenhändler gibt es bis heute. Mir stellt sich dabei die Frage, was sind das für Männer, die sich eines solch wehrlosen Menschen bedienen? Hier fehlen mir die Worte, zu was Menschen fähig sind.

Kann ein Mann beurteilen, zu welcher Prostituierten er da gerade geht?

Jeder hat hier eine Mitverantwortung darauf zu achten und gegebenenfalls Missstände zu melden. Man(n) sollte sich aber bewusst machen, dass er mit seinem Verhalten solche Ausmaße mit zu tragen hat.

Anregungen gibt es genug, um sich Lust zu machen. Die Pornoindustrie boomt. Auch wenn es in der Regel so zu sein scheint, dass die Beteiligten das, was da produziert wird, gerne machen, so geht es in erster Linie ums Geld. Was durch das Angebot erreicht werden soll, ist mir jedoch schleierhaft. Nicht jeder Mann geht zu einer Prostituierten, um sich seiner so geholten Lust oder einfach aufkommenden Lust  Befriedigung zu verschaffen.

Was mich an den Pornofilmen so stört, ist die Tatsache, dass hier Abläufe gezeigt werden, die nichts mit der Realität zu tun haben. Frauen können nicht immer und Frauen wollen auch nicht immer. Frauen werden in diesen Darstellungen zu reinen Lustobjekten, wie man sich als Frau selbst derartig erniedrigen kann, bleibt mir ebenfalls ein Rätsel.

Jeder wie er es braucht, ob man es tatsächlich in dieser Art braucht, sei allerdings dahingestellt.

Hier geht es nicht um Moral, schon gar nicht um Liebe, hier geht es um Menschen, verachtende Handlungen.


Sexueller Missbrauch

Es gibt viele Fälle, die wir aus den Medien her kennen. Aber es ist in den wenigsten Fällen der böse Unbekannte, sexueller Missbrauch findet in den eigenen vier Wänden statt. Und die Dunkelziffer ist astronomisch hoch.

Betroffen sind Kinder, Mädchen wie Jungs, Jugendliche, sowie Frauen.

Missbrauch beginnt schon beim unerwünschten Berühren. Nötigung, wenn ein Nein nicht respektiert wird. Viele Männer glauben auch heute noch ein Anrecht auf ihre Frau zu haben. Mit diesem Irrglauben wurde Anfang der 1990iger Jahre per Gesetz aufgeräumt. In der Zeit vor  diesem Gesetz war Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar. Gab es nicht.

Ein Beispiel fällt mir dazu ein. Ein Vater verging sich über mehrere Jahre an seiner Tochter. Sie wurde schwanger und brachte das Kind zur Welt. Die Ehefrau ließ sich nach der Tat scheiden und wurde schuldig gesprochen. Damals gab es noch Schuldsprüche, wenn man sich scheiden ließ. Die Begründung des Schuldspruchs wurde damit begründet, dass sie ihrem Mann nicht das gegeben hätte, was er wohl brauchte. Wäre sie ihren ehelichen Pflichten nachgekommen, so wäre ihrer Tochter dies auch nicht passiert. Solche Fälle gibt es bis heute, Gott sei Dank solche Schuldsprüche nicht mehr.

Dennoch ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Viel zu oft wird Missbrauch dadurch geschützt, dass sich die Wissenden als unwissend hinstellen. Sie wollen es nicht bemerkt haben. Sie schweigen aus Angst, aus Scham. Oder rechtfertigen es damit, dass es so etwas doch überall mal gibt und völlig normal wäre, darüber sollte man nicht sprechen. Oder aber sie haben einen so guten Verdrängungsmechanismus entwickelt, dass sie es wirklich nicht (mehr) wissen. Ich möchte aber nicht auf denen herumhacken, die auch mehr oder weniger ohnmächtig einer solchen Tat gegenüber stehen oder sogar selbst betroffen sind. Vielmehr möchte ich darauf hinweisen, dass es heute genügend Einrichtungen gibt, an die man sich wenden kann. Dort kann man sich auch anonym melden. Wichtig ist nur, dass man nicht wegschaut. Man macht sich mit strafbar, und man tut dem Opfer nichts Gutes, indem man es hier weiterhin in seiner Opferrolle lässt. Kinder sind die Schwächsten in dieser Kette. Wir sollten hier alle aufmerksam sein und Veränderungen im Verhalten der Kinder sofort hinterfragen.

Nicht jede (junge) Frau, die plötzlich loszieht und sich verschiedene Liebschaften sucht, ist auch gleich eine Schlampe. Nicht jede Frau, die sich verschließt und somit eine offensichtliche Mauer um sich herum zieht, um sich eben durch diese zu schützen, ist auch gleich eine Zicke oder arrogant oder introvertiert. Oftmals sind es  Zeichen, ein Zeichen das Anderen aber verborgen bleibt, besonders denen, die es ohnehin nicht verstehen würden und sich besser fühlen, nur aus ihrer Sichtweise zu verurteilen.

Schaut doch mal dahinter, fangt an mit offenen Augen an durch die Welt zu gehen und hinterfragt, was Euch seltsam erscheint, vielleicht könnt Ihr helfen. Aber selbst wenn Ihr etwas bemerkt habt, dann erwartet nicht, dass Ihr auch gleich eine Antwort bekommt. Geht behutsam an die Sache heran, bedrängt sie nicht. Viele der Betroffenen wissen es oft selbst nicht mehr, warum sie so handeln, sich so verhalten. Ist diese Tat schon lange her, so haben es viele vergessen, sie haben es einfach verdrängt, nur durch ihr Verhalten wird sichtbar, dass etwas nicht stimmt. Es muss sich nicht immer um einen Missbrauch handeln, warum sich Menschen manchmal verändern, da gibt es noch viele andere Ursachen. Aber diese von mir aufgezeigten Beispiele sind in der Regel Hinweise darauf.

Nun habe ich hier in erster Linie über Frauen geschrieben, es gibt aber auch genauso Jungs, die vergewaltigt und missbraucht werden.

So lernte ich über das Internet einen Mann kennen, nennen wir ihn einmal Micha, der sich mir nach wenigen Mails mitteilte. Bevor ich meine eigene Geschichte erzählen möchte, möchte ich auch diese erwähnen, da sich Männer in der Regel noch immer schwerer damit tun, sich zu öffnen.

Micha wurde Opfer eines Sozialarbeiters aus dem Heim, in dem er damals untergebracht war, weil seine Familie zerrüttet war. Er war 7 Jahre alt, als der erste Übergriff stattfand. Ich möchte dies hier nicht vertiefen, aber es liegt mir am Herzen, seinen Leidensweg zu beschreiben.  Durch diese Tat konnte er sich nicht mehr richtig ausdrücken, er bekam Probleme beim Sprechen. Es lag nicht daran, dass er sich nicht hätte artikulieren können, es lag daran, dass er in bestimmten Situationen einfach sprachlos wurde. Vor allem dann, wenn er das Gefühl bekam, dass er sich unter Druck fühlte und dies in jeder Lebenslage. Dadurch bekam er Probleme bei der Jobsuche und auch bei der Suche nach einer Frau. Wenn er sich mal wieder in einer solchen Situation befand, dann verschloss er sich komplett, weil einfach kein Wort mehr über seine Lippen kam. Er beschrieb mir auch, dass er in solchen Momenten im Kopf wie leer war. Ich kenne dieses Gefühl auch.

Manchmal sagt eine Person etwas, ohne dies mit Absicht zu tun und ohne zu wissen, was er/sie damit auslösen kann, dann zieht man sich zurück, weil so vieles in einem ausgelöst wird. Dies nennt man in der Fachsprache auch Trigger. Wenn die betreffende Person dann noch anfängt mit Worten wie: nun sag endlich mal etwas! unter Druck zu setzen, geht gar nichts mehr. Es ist wie ein Teufelskreis, den sich so manch ein Mensch, der nie eine so abscheuliche Tat erlebt hat, gar nicht vorstellen kann. Welche Qualen man in diesen Momenten durchleidet, ist kaum in Worte zu fassen.

Micha teilte mir später mit, dass er sich nun in eine Therapie zur Traumabewältigung begibt. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört und hoffe, dass es ihm heute besser geht.

Es ist nur eine Geschichte von vielen, die mir erzählt wurden, aber sie soll stellvertretend für all diejenigen stehen, die noch nicht den Mut hatten, darüber zu sprechen, zu schreiben oder sich Hilfe zu holen.

Mittlerweile ist es schon so unter den Opfern geworden, dass davon gesprochen wird, ein solcher Übergriff sei für einen Mann wesentlich schwerer zu verarbeiten als für eine Frau. Dem möchte ich hinzufügen, dass es vielleicht so sein mag, allerdings wird in diesem Moment den mißbrauchten Opfern (Frauen) ihr Leid abgesprochen. Ist es das Patriarchat dass sich hier mal wieder nur in einer anderen perversen Art und Weise Gehör verschaffen möchte? Männer sind “besser” als Frauen…? Diese Tat hinterlässt Spuren und ist für einen Mann, sowohl als auch für eine Frau gleichbleibend traumatisierend!

In einem ausführlichen Mail Kontakt mit einem anderen betroffenen Mann, der mir schrieb, wie glücklich er doch mit seiner Frau sei, erwähnte ich, dass er eine Frau gefunden hat, die Verständnis für ihn aufbringt, was mich für ihn sehr freut.

Es ist halt doch ein Unterschied, wie man seine Sexualität ausleben möchte. Deswegen müssen Frauen jedoch nicht zwangsläufig sich am gleichen Geschlecht orientieren, wobei dies vermutlich noch eine Alternative dazu ist, als sich mit einem Mann über das Vergangene auszusprechen, zu berichten, und doch auf taube Ohren zu stoßen oder aber gesagt bekommt, er wäre ja ganz anders: komm ins Bett, ich beweise es dir….


Meine Geschichte

Wer sich an einem Menschen in einer solchen Art und Weise vergeht, zerstört ein Leben. Indem Moment, wo es passiert, verändert sich das Leben für die Betroffenen. Nichts ist mehr wie es war. Jetzt erlaube ich mir in der Ich-Form zu schreiben, denn auch ich bin ein Opfer.

Es ist ein Gefühl der Ohnmacht. Ich kann es nicht wahrhaben, will es nicht wahr haben, so etwas passiert mir nicht, das passiert nur anderen. Mir passierte es mit 19 Jahren. Ich heiratete bereits mit 19 Jahren, wenige Monate nach der Eheschließung passierte dann das für mich Unfassbare. Mein Ehemann sperrte mich eine Woche lang zu hause ein und verging sich mehrmals täglich an mir. Am dritten Tag konnte ich nicht mehr sprechen, ich wollte etwas sagen, ihn fragen, warum er das tut, aber es kam kein Laut aus meinem Mund. In dieser Zeit erlebte ich auch eine Depersonalisierung nach der anderen. So stand ich des öfteren „neben“ mir. Ich sah mich, sah das, was passierte, erkannte mich aber nicht. Ich spürte auch nichts. Alles, was ich war, war eine Beobachterin, die analysierte. Was tut er da? Er tut ihr doch weh. Warum hört er nicht auf? Jedes mal, wenn er fertig war, fing er an zu weinen, entschuldigte sich bei mir und sagte mir, wie sehr er mich doch lieben würde. Er sagte auch, dass ich selbst dran schuld sei, das er das tut und er nicht wisse, ob er mir verzeihen könne, womit es sich wiederholte.

Nach dieser Zeit war ich nicht mehr ich selbst. Da war etwas kaputt gegangen, womit ich bis heute nicht fertig werde. Der Mann, mit dem ich mein Leben verbringen wollte, tat mir das an. Ich sagte niemandem etwas. Ich fühlte mich schuldig. Ich blieb bei ihm, weil ich an dieser Ehe festhalten wollte, Gründe hatte ich genügend. Nachvollziehbar sind sie jedoch nicht. Irgendwann dachte ich nicht mehr daran, ich hatte es verdrängt, aber mein Verhalten war nicht mehr das gleiche. Mit Sex ging im Grunde gar nichts mehr, und er machte solange weiter, nötigte mich so lange, bis ich doch wieder mitmachte. Ich begann damit, mich ihm zu entziehen. Wenn er Spätschicht hatte war dies ein leichtes für mich, ich tat einfach so, als würde ich schlafen. Meinen Schlaf ließ er mir.

Mein Entschluss ihn zu verlassen kam erst richtig ins Bewusstsein, als ich mein Baby verlor. Auch daran war er nicht ganz unschuldig. Mein Gynäkologe wies mich mit den Worten: aber bitte nicht so doll, daraufhin, dass ich innere Verletzungen hatte. Eine weitere Depersonalierung erfuhr ich nach der OP, nachdem mein Baby tot in eine Schüssel geboren wurde, musste ich zur Ausschabung in den OP gefahren werden. Wieder wurde ich von Schuldgefühlen geplagt. Unfähig ein Kind in mir wachsen zu lassen. Und die schwere Aufgabe der Trauer um das Baby. Noch heute weiß ich, wie alt sie geworden wäre. 19 Jahre alt wäre sie in diesem Jahr geworden. (Stand 2008)

Fünf Jahre nach der Eheschließung verließ ich meinen Mann. Als er endlich ausgezogen war, fühlte ich mich, als wäre eine Last von mir gebrochen. Dann erst kamen die Albträume. In meinen Träumen kam er immer wieder zurück, stellte seine Koffer hin und streichelte mich, sagte, dass er jetzt für immer bei mir bleiben würde. In meinen Träumen konnte ich auch nicht schreien, bekam kein Wort heraus. Aber ich versuchte ihn anzuschreien, dass er gehen soll, und ich versuchte wegzulaufen, aber ich kam nicht von der Stelle. Diese Träume kamen immer und immer wieder. Dann kam der Waschzwang. Ich erinnere mich, wie ich abends aus der Wanne stieg, um mich abzutrocknen. Ich war nicht ganz fertig, da überkam mich ein Gefühl von schmutzig sein. Ich setzte mich wieder in die Wanne, aber das Wasser war auch schmutzig, weil ich drin saß. Ich stand auf und ließ das Wasser ablaufen, dann ließ ich die Dusche laufen. Fing an zu schrubben, damit dieses dreckige Gefühl endlich weg geht. Ich wollte mich sauber fühlen. Ich schrubbte bis an manchen Stellen Blut kam. Irgendwann stieg ich doch aus der Wanne, bzw. der Dusche,  trocknete mich ab. Jetzt brannten die offenen Hautstellen. Ich wusste nicht, was mit  mir los war. Dieses Gefühl dreckig zu sein ging nicht weg. Ich fing an mich mehrmals täglich umzuziehen, so weit mir das möglich war, ich ging ja den ganzen Tag arbeiten.  Dort ging ich oft mir die Hände waschen, fasste nichts an, was mich hätte schmutzig machen können, was kein Kunststück war, da ich im Büro arbeitete. Mein Arbeitsplatz wurde meine Zuflucht. Hier fühlte ich mich wohl und vor allem auch gebraucht und respektiert.

Mein Waschzwang ging soweit, dass ich morgens bereits eine Stunde früher aufstand, nur um mein Zeremoniell abhalten zu können. Baden mochte ich nicht mehr, ging nur noch unter die Dusche, damit der Dreck gleich ablaufen konnte. Benutzte mehrere Handtücher, cremte, puderte und parfümierte mich, ohne zu wissen, warum ich so viel Aufmerksamkeit auf meine Sauberkeit legte. Es war ja nicht nur das Waschen und sich ständige Umziehen, es kam noch ein wahrer Ordnungsfimmel dazu. Von meinem Boden hätte man ohne Teller zu benutzen, essen können. Aber selbst kochen tat ich auch nicht, da wäre die Küche schmutzig geworden.

Dadurch, dass ich so gerne zur Arbeit ging, lebte ich bald nur noch für meinen Job. Das hatte das Gute, dass ich schon bald anfing von der Firma zu träumen. Damit waren die Albträume abgestellt.

Mein Verhalten Männern gegenüber wurde extrem. Zwar war ich immer höflich und freundlich, aber wenn mir mal ein Mann ein Kompliment machte, war da nur in meinem Kopf: du willst eh nur eins, kannste so lieb tun wie du willst, ich habe dich durchschaut.

Durch einen Zufall kam ich drauf, was mit mir los war. Eines Tages, ich saß im Wartezimmer eines Arztes, nahm ich eine Zeitung und fing an darin zu blättern. Ich stieß auf einen Beitrag von einer vergewaltigten Frau. Ich las mir den Beitrag durch und beim Lesen folgender Worte – “…ich fühlte mich dreckig…, war nur am mich waschen und schrubben um den Dreck runter zu bekommen-”, kamen die alten Bilder wieder in mir hoch. Es war mein Aha-Effekt, den ich brauchte. nun wurde mir vieles klar, vieles an meinem Verhalten bewusst. Jetzt wusste ich wieder, was passiert war, damals in dieser Woche.

Diesen Artikel bekam ich etwa drei Monate nach der Trennung in die Hände. Jetzt konnte ich anfangen, mich wieder sauber zu fühlen. Nur so schnell ging das nicht. Ich versuchte auch darüber zu reden, aber immer, wenn ich anfangen wollte, schrillten in mir Alarmglocken. Dann hatte ich Angst, dass mir nicht geglaubt wird, und dass man über mich lachen könnte, oder dass dumme Bemerkungen kommen könnten. Einmal machte ich doch Andeutungen. Einer Freundin gegenüber. Sie lachte, war wie fasziniert und fragte mich, ob das tatsächlich war, und sie wiederholte ständig die Worte – er hat es wirklich getan-. Ich hätte mir am liebsten die Zunge abgebissen, wollte so schnell wie möglich weg und nahm mir vor, nie wieder darüber zu reden.


Folgen

Zwangsläufig verändert eine solche Tat den Menschen. Darüber reden kann nicht jeder, so verdrängte ich es wieder.

Erst achtzehn Jahre später schrieb ich es anonym im Internet runter. Ich schrieb es mir von der Seele, nachdem ich in einem Forum bereits als Männer Hasserin beschimpft wurde. Als ich dies schrieb, war meine zweite Ehe bereits zum Scheitern verurteilt. Das lag wohl auch mit daran, dass ich nie richtig darüber sprechen konnte, es mal kurz erwähnte, aber da von meinem Mann keine Unterstützung kam, kein Verständnis, nur die Worte, dass er anders wäre, sprach ich es auch nicht mehr an.

Menschen, die so etwas erlebt haben, werden hochsensibel, nicht alle, aber aus Erfahrungsberichten über das Internet von anderen Betroffen, darunter waren auch Männer, die als Kind oder Jugendliche missbraucht wurden, weiß ich das. Das Beste ist es dann, nach einer solchen Tat, einen Partner oder eine Partnerin zu finden, die oder der damit umgehen kann. Kommt man weiterhin an Menschen, die kein Verständnis haben, die das Erlebte der Betroffenen einfach wegwischen und noch dazu mehr von der Sorte „kalt“ sind, was ich nicht negativ anstreichen möchte, nur erwähnen, dass solche Menschen nicht guttun, dann kann man sehr schnell in eine tiefe Depression fallen.

Meistens werden solche tiefen Depressionen durch sogenannte „Trigger“ ausgelöst. Das sind Situationen, in denen man als Betroffener in irgendeiner Art und Weise wieder an das Geschehene erinnert wird. In solchen Phasen kommt einem alles wieder hoch, meistens ist es tiefe Verzweiflung, Traurigkeit aber auch sich einsam und verlassen fühlen. Erschwerend mit einem Trigger umzugehen wird es, wenn man dann keinen verständnisvollen Partner/in an der Seite hat. Mit Druck erreichen diese nur das Gegenteil. Der Betroffene sieht dann keinen Ausweg mehr, und nicht selten werden Suizidgedanken dann auch in die Tat umgesetzt.

An zwei Situationen des getriggert werden kann ich mich noch gut erinnern. Lange Zeit schrieb ich im Internet an einem Religionsbord. Nicht zuletzt deswegen, um endlich auf meine Frage, warum Menschen so grausam sein können –und das nicht nur auf Grund dessen, was mir passiert ist, sondern generell zum Leid, welches auf der Welt herrscht, durch Menschen gemacht-, eine Antwort zu bekommen. In den Religionen suchte ich einen Trost, fand aber keinen. Hier möchte ich mich auch nicht über meine Suche nach der für mich richtigen Religion auslassen, sondern auf den Trigger eingehen.

Im Bereich „Zwischenmenschliches“, dass ich u.a. als Moderatorin betreute, wurde ein thread über Vergewaltigung eröffnet. Da ich wusste, dass mich dieses Thema mehr als berühren würde, las ich erst nicht mit. Als ich aber sah, wie schnell dort Antworten kamen, musste ich mich einklinken, schon auf Grund meiner dortigen Position, dass alles im grünen Bereich ablief. Ich bemühte mich, das Gelesene nicht an mich heran kommen zu lassen, ich bildete mir ein, dass ich das schaffen kann. Was ich dort zu lesen bekam war alles andere als schön, denn die User fingen an sich zu behacken. Nun wusste ich von den Beiden, dass Beide in ihrer Kindheit, bzw. in ihrer frühen Jugend, Opfer waren. Beide gingen unterschiedlich mit ihren Erlebnissen um. So wusste ich von der einen Userin, dass sie sich, nachdem sie von ihrem Stiefvater missbraucht wurde, gut fühlte, denn endlich war jemand da, der ihr Zuwendung gab. Dies ist übrigens oft eine Absicht von missbrauchten Frauen oder ungeliebten Kindern, wie sie in der Fachsprache genannt werden, wenn sich die Eltern nicht richtig um sie kümmerten, sich über Sex , Liebe zu holen.  Sie schrieb das einmal öffentlich, für jeden nachzulesen, an diesem Bord. Von dem anderen User wusste ich, dass er als Kind sexuell missbraucht wurde. Dieser Mann war sehr sensibel und verfügte über ein enormes Einfühlungsvermögen.  Was ihm passiert war, wusste wohl nur ich, denn er berichtete es mir in einer für andere nicht einzusehenden privaten Nachricht. Zu meinem Entsetzen musste ich nun lesen, wie diese beiden Menschen verbal auf einander losgingen. Ich versuchte die Gemüter etwas zu beruhigen, aber es gelang mir nicht. Irgendwann  schloss ich den thread. Was sich nach dem Schließen in den Anderen abgespielt hatte, weiß ich nicht, aber ich weiß, was danach mit mir passierte. Ich hatte ein Gefühl von in-Watte-gepackt zu sein. Meine Umgebung nahm ich nur noch schleierhaft wahr. Ich machte den PC aus und ging wie mechanisch erst ins Badezimmer, um mich zu duschen und danach ins Bett. Um meine Gedanken nicht mehr „hören“ zu müssen, setzte ich den Kopfhörer auf und hörte Musik. Dieses dumpfe Gefühl, dass ich eben noch hatte, wurde durch die Musik gelöst, aber nicht ins Positive, sondern ich fiel geradewegs in einen Weinkrampf. Es dauerte eine ganze Weile, ein Zeitgefühl hatte ich da nicht –auch so ein Phänomen, die Zeit nicht mehr abschätzen zu können-, bis ich endlich mit weinen auf hören konnte. Zu dieser Zeit lebte ich bereits alleine und fühlte mich elendig alleine gelassen.  In dieser Zeit hätte ich mir jemanden zur Seite gewünscht, und wenn nur jemand in der Wohnung gewesen wäre, um mir dieses Gefühl von nicht alleine zu sein, geben zu können.

Wenn man durch einen solchen „Trigger“ erwischt wird, ist es schwierig zu sagen, ob man sich eine Umarmung wünschen würde oder einfach nur für sich alleine sein möchte. Im Grunde möchte man Beides nicht, das ist jedenfalls bei mir so. Man möchte nicht alleine sein, aber Berührungen möchte man auch nicht wirklich. Wenn man nun ohnehin schon alleine lebt, ist es enorm schwierig sich aus seinem Loch, in welches man da gefallen ist, wieder heraus zu holen. Ich weiß nur noch, dass ich danach die nächsten Tage zu hause blieb. Ich steltle sogar das Telefon ab, weil ich mit niemandem reden wollte, dies tat ich in den nächsten Monaten noch häufiger.  Die Zeit verging, es wurde Tag, es wurde Nacht, aber für mich war alles gleich dunkel. Hinzu kamen noch die Gedanken zu meiner Lebenssituation, die ja ohnehin schon nicht einfach war. Suizidgedanken quälten mich, da ich kein Entkommen sah und nicht wusste, wie es weiter gehen soll.

Der zweite heftige Trigger erfasste mich erst vor kurzem. Durch eine Serie im Fernsehen. Schon kurze Zeit nachdem diese neue Person in dieser Serie auftrat, wusste ich, welche Rolle sie spielte. Das erkennen vermutlich alle Menschen, die eine solche Tat erlebt, durchlebt haben. Nach wenigen Wochen wurden meine Gedanken bestätigt. Diese Frau spielt die Rolle eines missbrauchten Mädchens. Als dann Einblendungen von ihrem (gespielten) Missbrauch hinzukamen, ging bei mir innerlich wieder alles drunter und drüber. Am liebsten wäre ich sofort weggelaufen, hätte mich am liebsten versteckt. Wieder fingen meine Gedanken an, Karussell zu fahren, bis hin zu Suizidgedanken. Dieser Trigger war es, der mich veranlasste in diesem Buch überhaupt dieses Thema aufzugreifen, was ich anfangs gar nicht im Sinn hatte.

Eine weitere Auswirkung dieses Triggers ist, dass ich mich wieder genauso verhalte wie damals auch schon, und die vielen anderen, die ich hatte, da war es nicht anders. Es ist ein Gefühl der Ohnmacht, die einen ergreift, die mich ergreift. Ich konnte nicht mehr rausgehen, wollte es auch nicht. Meine Arzttermine sagte ich ab, der Gedanke alleine, mich würde jemand anfassen, egal ob beim Zahnarzt oder beim Gynäkologen, geschweige denn in irgendeiner Art in mich kommen, war mir unerträglich. Außenstehende können dies kaum nachvollziehen, ein bisschen Verständnis würde schon reichen. Es ist schwer für Angehörige damit umzugehen, denn sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, aber für den Betroffenen selbst ist es die Hölle.

Ich weiß, dass ich nicht die einzigste bin, der es so geht. In meinen vielen Lesereisen durch das Internet habe ich vieles von Betroffenen gelesen. Irgendwie müssen wir alleine damit klar kommen, irgendwie, uns kann das niemand abnehmen.

Dass ich es jetzt doch aufgeschrieben habe, gibt hoffentlich anderen Mut, darüber zu reden oder darüber zu schreiben. Es gibt viele Möglichkeiten, gerade das Internet bietet hier eine gute Gelegenheit anonym zu bleiben. Manchen fällt das Schreiben leichter, anderen das darüber sprechen. Am besten noch immer mit einer Person seines Vertrauens, wenn es diese nicht gibt, wie gesagt anonym im Internet. Die Schritte, die die Betroffenen machen müssen, um ihr seelisches Gleichgewicht wieder herstellen zu können, sind enorm groß. Es ist wichtig, dass man sich geschützt fühlt, aber der erste Schritt, den müssen wir machen.

Hilfeforen bieten auch Hilfe für Angehörige. Es ist wichtig, wenn man weiß, was einem nahe stehenden Menschen passiert ist, ihm zu zeigen, dass man sich für ihn/sie interessiert, lasst einen solchen Menschen nicht in seiner Not alleine! Wer sich informiert, dem wird es auch leichter fallen auf den Betroffenen eingehen zu können. Es ist sehr schwer damit klar zu kommen, aber die Betroffenen selbst können auch nicht einfach weglaufen, sie würden es gerne tun, aber man kann nun mal nicht aus seiner Haut. Deswegen denken so viele auch an Suizid.

Wir, die es erlebt haben, benötigen Beistand. Wir, die es erlebt haben sind nicht geistesgestört! Wir sind nicht frigide, und wir sind auch nicht nymphoman, wir sind auch keine Schlampen! Wir sind Opfer! Opfer einer immer mehr und mehr aus den Fugen geratenen Gesellschaft! Wir sind aber Teil dieser Gesellschaft, und für uns ist es viel schwieriger ein normales Leben zu führen, als Menschen, die so etwas nicht erlebt haben. Denn unser Leben wurde durch eine Tat, die sich völlig meinem Verständnis entzieht, kaputt gemacht. Und in einer Gesellschaft leben zu müssen, wo es nur noch darum geht, funktionieren zu müssen, fällt es gerade Menschen die dies erlebt haben, besonders schwer zu funktionieren.

Geduld ist heute schon ein Fremdwort geworden. Denn selbst wenn Betroffene darüber berichten, so wird es oft von denen, die es zu hören bekommen, denen man sich anvertraut hat, weggewischt. Wer sich nicht in der Lage fühlt einen Menschen begleiten zu können, auf diesem schweren Weg, wo immer schon vorprogrammiert ist, wieder getriggert zu werden, der sollte sich besser von einem solchen Menschen trennen, um ihm so die Möglichkeit zu geben, sein Leben in den Griff zu bekommen. Manchmal kann man schon durch eine Trennung Hilfe erfahren. Ich meine hier nicht das Fallenlassen, sondern ich schreibe hier von „in Liebe los lassen“ zu können. Dies ist noch immer besser, als den Anderen nicht verstehen zu können. Nicht jeder kann damit umgehen, die Betroffenen selbst können es aber auch nicht, sie können sich nicht einfach umdrehen und gehen. Wir müssen damit leben. Deswegen müssen wir auch Geduld mit uns selbst haben.


Zur Anzeige bringen oder nicht

Die wenigsten Delikte, die sich zu hause abspielen, werden auch zur Anzeige gebracht. Die Betroffenen wollen es in der Regel selbst nicht wahr haben, was da mit ihnen geschieht, andere wissen nur, dass etwas passiert, was ihnen nicht gut tut, können es aber gar nicht in Worte packen.

Was mir noch am Herzen liegt: Kinder, die Missbrauch erlebt haben, haben erst Jahre später die Kraft und den Mut eine Tat zur Anzeige zu bringen. In den meisten Fällen ist die Tat aber dann bereits verjährt. Eine solch abscheuliche Tat darf aber nicht verjähren, hier werden die Opfer noch einmal zum Opfer gemacht, diesmal durch die juristische Seite. Das Gesetz soll aber schützen! Es gibt bereits eine Petition, die hier für Unterschriften sammelt, um diese Verjährungsfrist fallen zu lassen. Nur bei Mord gibt es keine Verjährungsfristen. Ich bin aber der Meinung, dass ein solches Vergehen an Kindern gleichzusetzen ist mit Mord. Mord an einer Kinderseele.

Es könnte auch dein Kind sein!

Es sollte jedem frei bleiben, ob er/sie etwas zur Anzeige bringt. Diesen Schritt zu tun ist ein mutiger Schritt, zumal man als Opfer erst einmal in der Beweispflicht steht, das macht den Gang zur Polizei nicht gerade einfacher. Sollte sich Euch ein Mensch gegenüber einmal anvertrauen, indem er/sie von einem Missbrauch berichtet, so sollte er unter gar keinen Umständen unter Druck gesetzt werden! Die Tat an sich ist schon schwer genug zu verarbeiten, da benötigt man erst einmal nur seelische Unterstützung, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

Wer ein bisschen Mitgefühl in sich trägt, der wird es auch verstehen, wenn es hier erst einmal um das Opfer geht und nicht um den Täter.

Bei der Frage, es zur Anzeige zu bringen oder nicht, sehen sich viele Opfer wieder als Opfer, sie müssen sich Fragen stellen lassen, müssen dadurch die ganze Tat noch einmal in sich aufwühlen und das auch noch vor fremden Menschen, schlimmstenfalls werden sie ihrem Peiniger noch einmal gegenübergestellt. Wer es aber dennoch tun möchte, vor diesen Menschen ziehe ich meinen Hut. Zur Anzeige bringen zu wollen, heißt aber auch, die Verjährungs-Zeit endlich abzuschaffen, damit die Menschen auch die Chance haben, eine Anzeige machen zu können.

Was ich auch nicht verstehen kann sind Frauen, die einem Mann eine Vergewaltigung andichten, aus verletzten Gefühlen heraus, wie auch immer. Für mich gibt es hier keine Entschuldigung, denn es bleibt immer etwas „hängen“. Aber dies scheint ja auch von diesen Frauen so beabsichtigt zu sein. Nur macht es das für Menschen, die tatsächlich Opfer von Vergewaltigung geworden sind, nicht einfacher, etwas zur Anzeige zu bringen. Diese Frauen haben eine Mitschuld daran, dass Vergewaltigungen so schwer anzeigbar sind. Im Zweifel immer für den Angeklagten, und das macht es so schwierig, denn in der Regel steht hier immer Aussage gegen Aussage.

Behinderte Menschen haben besonders schlechte Karten, ihnen wird bei einer Vergewaltigung ihre Behinderung auch noch zum Nachteil ausgelegt.  Es gibt, man soll es nicht fassen, extra Gesetze für behinderte Menschen, die keineswegs einen besseren Schutz hier durch das Gesetz erfahren, sondern obendrein noch abgestraft werden und das durch unseren Gesetzgeber.

Es gibt noch viel zu tun, verschließt nicht die Augen!


Diesen Artikel hat die Verfasserin sich bereits im Jahr 2008 von der Seele geschrieben und hat es  selbst verarbeitet. Vorher kannte Sie Thich Nhat Hanh noch nicht, dessen Wege Ihr sehr geholfen haben.

Die Verfasserin möchte Anonym bleiben !

Digg this!Add to del.icio.us!Stumble this!Add to Techorati!Share on Facebook!Seed Newsvine!Reddit!Add to Yahoo!

Kommentar verfassen:

Get Adobe Flash playerPlugin by wpburn.com wordpress themes
  Copyright © 2011 Buergerstimme, All rights reserved.| Powered by WordPress| Indy Premium theme by Techblissonline.com