Europas Jahr gegen soziale Ausgrenzung und Armut
06.01.10
Man kann schon der Ironie sehr nah sein, wenn man über so manche Themen stolpert. In diesem Jahr ist ein solch brisantes Thema sicherlich das Europäische Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Zuweilen wird es anscheinend immer beliebter, die „Propagandamöglichkeiten“ zu nutzen, um die Bürgerschicht ruhig zu halten und ihnen scheinbar das Gefühl zu vermitteln, dass ihren Anliegen nun volle Aufmerksamkeit gewidmet wird, von Seiten der Politik und man um Lösungen bemüht ist. Was an der Oberfläche zu sehen ist, reicht ja bekanntlich aus, um die Schafe an die Hand zu nehmen und diese wieder in den Irrgarten zu geleiten. Blickt man jedoch einmal hinter diesen „Glanz“-Vorhang, so ist vor lauter Dunkelheit nur noch ein Trauerspiel zu erkennen, und die lachenden Gesichter werden schnell zu Masken, hinter denen sich ein grauer Nebel im Verborgenen hüllt.
Der Schein trügt, wahre Hilfe gibt es nicht
Dennoch ist die Freude groß, werden doch durch diese Aktion „scheinbar“ viele soziale und humane Projekte unterstützt. Schließlich verwendet der Staat hier ja 2,3 Millionen Eu- und Bundesmittel, für dieses „Europäische Jahr“. Laut dem von der EU veröffentlichten Prospekt, „Schaffung einer gerechten Gesellschaft“, leben 72 Millionen Menschen in Europa in Armut. In Deutschland nach der letzten Erhebung im Jahr 2008 leben rund 13% der Gesamtbevölkerung in Armut und noch mal 13% leben an der Armutsgrenze und beziehen zusätzlich soziale Hilfe, da Arbeit eben kein Garant mehr ist für ein Leben außerhalb der Armutszone. Gehen wir nur mal von den offiziellen Zahlen aus und legen die Einwohnerzahl in Höhe von 82.310.000 aus dem Jahre 2006 zu Grunde, so sind in Deutschland 21.400.600 Menschen von der Armut betroffen und müssen jeden Tag um ihre weitere Existenz bangen. Hier sollen im Bezug auf die BRD also 2,3 Millionen Euro ausreichen, um effektiv gegen Armut anzugehen? Das kann ja wohl nur ein makaberer Scherz sein, denken Sie? Nun führen wir diese Rechnung trotzdem einmal weiter und teilen diese 2,3 Millionen Euro auf die Menschen auf, die in Armut leben, so ergibt sich ein Betrag in Höhe von 0,11 Euro pro Person zum Kampf gegen die Armut. Bereits ein Informationsflyer für jeden armen Bürger ist teurer. Damit aber nicht genug, denn nur rund 50% kommen den eigentlichen Projekten zu Gute, während der andere Anteil des Kapitals für ein Unternehmen verwendet wird, dass sich um die „Organisation“ dieser Aktion kümmert. Somit bekommen nur knapp 40 Projekte von 850 eingereichten eine Unterstützung, um sich für soziale und humane Werte einzusetzen.
Etablierung der Armut, aber keine Lebenswertverbesserung
Dieses Rechenbeispiel belegt erst einmal, welche Wirkung tatsächlich erzielt wird, und das es im Grunde einfach nur darum geht, dass man soziale Projekte und den Bürger mit einspannt in Prozesse, die der Illusion nach wichtig erscheinen. Ein Mensch, der sich ernst genommen und wichtig fühlt, ist ein ruhiger Wegbegleiter, dass war schon immer so, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Also wieder ein Beispiel, welches belegt, wie weit sich die Menschheit tatsächlich entwickelt hat. Kommen wir nun vom Zahlenspiel einmal zu dem allseits beliebten Auswahlverfahren der Berliner Industrie. Sozialministerin Ursula von der Leyen scheint sich hier nämlich nicht wirklich an dem Motto dieses Jahres zu orientieren und handelt unüberlegt und nicht nachvollziehbar. Oben auf der Liste steht ein Projekt der Spastikerhilfe Berlin. Demzufolge sollen behinderte Menschen durch Tanzvorführungen mit normalen Bürgern ins Gespräch kommen. Selbstverständlich sind solche Projekte auch von Bedeutung und ihre Wichtigkeit nicht in Frage zu stellen, dennoch haben wir weitaus mehr Probleme, und man sollte nicht die Projekte auswählen, welche nur der Verbesserung des eigenen Rufes dienen. Wer glaubt, dass das aber schon alles sei, der sollte darauf achten, dass sein Magen nicht zu voll ist, denn schnell könnte einem sonst bei der nächsten Tatsache etwas schwindelig werden. Weitere Favoritprojekten sind nämlich jene, die vermitteln sollen, wie ein armer Mensch mit seinem Geld besser zurechtkommt. Hier sprechen wir nicht nur von einer unverschämten Aussage und einer nicht gerechtfertigten Handlung, nein hier sprechen wir von offensichtlicher Diskriminierung jener Menschen, die in Armut oder an der Armutsgrenze leben müssen. Erinnert man sich an den Slogan „Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung“, so macht sich doch in einem der Sarkasmus breit und zeigt deutlich, dass ein Blick hinter die Fassaden immer lohnend ist. Prinzipiell geht es nämlich darum die Masse an die Armut zu gewöhnen, sie zu sensibilisieren. Die Zustände sollen so als alltäglich dargestellt werden, damit der Mensch die Armut als Selbstverständlichkeit hinnimmt.
Viele Masken, aber nur ein Spiel
Ein neues Jahr, in welchem wieder neue Masken verteilt wurden, aber das Spiel bleibt das Alte, denn es funktioniert ja bestens. Man bastelt in Schnellverfahren Rettungsschirme in Milliardenhöhe für Banken, hat aber kein Geld für soziale Angelegenheiten, bzw. möchte dem Bürger klar machen, dass er doch vieles ehernamtlich umsetzen kann. 2,3 Millionen Euro sind ein Witz, im Verhältnis gesehen zu den Bankenrettungspaketen, und doch geht es ja auch gar nicht ums Geld. Armutsbekämpfung ist nicht mehr als Schall und Rauch, so lange man sich nicht vom Konsumdrang lösen kann und versteht, welch Sinn in einer Gemeinschaft steckt. Armut und soziale Ausgrenzung verhindern beginnt bei unserer Art des täglichen Lebens und nicht bei der puren Umverteilung von Geldern. Hinterfragen, gemeinsam agieren, eigene Perspektiven schaffen, all das liegt bei uns, und wenn diese Basis stimmt, kann man die Fehler der Politik in den Vordergrund stellen und dann auch Lösungen fordern, weil man selber an diesen mitgewirkt hat. Was nützen uns irgendwelche Lösungskonzepte, die wieder von jenen entworfen wurden, die uns auf Talfahrt gebracht haben? Übel nehmen kann man es diesen ja nicht, denn an einer wirklichen Konzeptentwicklung scheint kaum ein Bürger Interesse zu haben, denn dieser erwartet stets Wunder aus der politischen Schicht.
Im europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung mag es durchaus kein geeignetes Konzept der deutschen Regierung geben und auch ist zu vermuten, dass die Privatinteressen der Machtpolitik wieder im Vordergrund stehen. Wieder mal werden auch nur Organisationen ab einer gewissen Größe bedacht, aber nicht die vielen einzelnen Streiter, die sich effektiv Tag für Tag einsetzen für eine bessere Zeit. Sprechen wir von Armut, so müssen wir auch von Hilfe aus und an der Basis sprechen, und das ist der Kreislauf der Kleinen untereinander. Mag auch die Hilfe von den Großen ausbleiben, so können wir gerade diesen Kreislauf maßgeblich mit beeinflussen und müssen hier jeden noch so kleinen Funken an Möglichkeiten ergreifen und diese nutzen.
Ich schließe mit einem eigenen Zitat:
Am Tag, an dem das Geld in unsere Welt trat, wurden auch Hass, Neid, Wahnsinn und Armut geboren. Welch hoher Preis für einen so primitiven Wert!
Ihr
Joachim Sondern



















