Bildungspolitik – Leistungsgesellschaft gescheitert

30.11.09

Bereits vor vielen Jahren war es absehbar, wohin der Weg der Bildungs- und Gesellschaftspolitik führen wird. Doch kaum jemand hat die Mahner ernst genommen oder gar ihre Worte beherzigt. Verwunderlich ist es daher mit Sicherheit auch nicht, dass im Schulspiegel ein Bericht veröffentlicht wurde, welcher sich mit dem Thema Risikoschüler auseinandersetzt. Was man natürlich wieder in den Vordergrund stellt, ist die Belastung in Billionenhöhe, welche entsteht, wenn man die Zahl der Risikoschüler nicht reduzieren kann. Zu dieser Gruppe zählt jeder fünfte Jugendliche im Alter von 15 Jahren: diese können noch nicht richtig rechnen und schreiben, so die Aussage im Schulspiegel. Wirklich ein sehr trauriges Ergebnis in einer Wirtschaftsnation.


Die Ursache erkennen um die Lösung zu ermöglichen

Mit solchen Tatsachen darf man sich jedoch nicht einfach so abfinden, sondern sollte darum bemüht sein, dass Ganze von Grund auf zu analysieren und an eine schnelle Verbesserung dieser Situation zu arbeiten. Es ist in der Tat schon eine gesellschaftliche Katastrophe. Zu behaupten, man würde sich einfach zu wenig um diese „Risikoschüler“ kümmern, wäre viel zu einfach und sicher nicht im Sinne der Betroffenen.

Fangen wir doch wirklich einmal ganz unten bei der Wurzel allen Übels an. Unsere Gesellschaft wurde immer schnelllebiger; wer dieses Tempo nicht halten kann, der wird als „Loser“ am Rand stehen gelassen. Immer dem Irrglauben verfallen, dass man ja noch genug Leistungsträger hat. Dass dieses Verfahren aber immer mehr „Randerscheinungen“ förmlich produziert, daran wollte niemand so recht einen Gedanken verschwenden. Vor vielen Jahrzehnten befand sich alles noch in einem gesunden Gleichgewicht: man ging arbeiten in einem normalen Stundenverhältnis, man ging zur Schule und bemühte sich in allen Schichten gleichermaßen um eine gewisse Wissensvermittlung. Doch mit der Zeit wurde der Druck immer mehr erhöht, mit jedem Erfolg, den man als Nation erzielte wuchsen die Erwartungen, und der Mensch musste sich auf einmal immer wieder aufs Neue übertreffen. Schnelle Ideen waren auf einmal gefragt, der schnelle Profit steht im Vordergrund bis heute. Das lenkte natürlich von den wesentlichen Kernpunkten ab: wie der aufbauenden Wissensvermittlung, eigenständigem, logischen Denken und im besonders intensiven Maß auch von den individuellen Denkwegen. Hier hat man förmlich versucht diese Art der geistigen Entwicklung zu unterdrücken: denn in dieser künstlich erzeugten Leistungsgesellschaft haben ja alle Menschen nach einer Leitlinie, nach einem Konzept zu funktionieren.

Diese erschaffene Funktion führte zu einem hohen Maß an künstlicher Belastung. Bis heute ist der Mensch dieser Last ausgesetzt und merkt nicht, dass er vom natürlichen Werdegang her nicht dafür geschaffen ist. Jeden Tag aufs Neue wird der Körper also einem unnatürlichen Stress ausgesetzt. Daraus resultierend leidet natürlich gerade bei Heranwachsenden die Konzentrationsfähigkeit. Keine Art der Entfaltung ist mehr gegeben, dafür wird man schon ab Kindesalter unter einen sehr hohen Erwartungsdruck gesetzt. Lehrer fordern von Schülern nach einem vorgefertigten Muster, Eltern bringen die Kinder auf Massengesellschaftskurs und auch seitens der Politik erwartet man eine gewisse Haltung. Immer wieder wird von ihnen verlangt, aber keiner will die wirkliche, individuelle humane Entwicklung fördern. Selbst aus der Logik heraus sollte jedoch klar sein, wie sehr ein solches Verhalten die Psyche von Grund auf belastet und so Nervenstörungen auftreten können, da der Verstand und die Seele gar keine Möglichkeit mehr haben sich zu entwickeln, sondern direkt funktionieren müssen.


Eine Lösung erfordert Einsicht

Nicht erstaunlich also, dass es so viele junge Leute gibt, die nicht mehr fähig sind, sich ordentlich zu entwickeln. Sie werden ihrer Freiheit beraubt, egal in welcher Form und bekommen so die Luft zum Atmen genommen. Diese Schüler sind zu einem „Produkt“ der heutigen Zeit geworden und nicht dumm oder schwach. Allein dass man das Wort Risikoschüler benutzt, ist im hohen Maße diskriminierend. Nicht solche Menschen sind schwach oder stellen ein Risiko dar, sondern der unnatürliche Lebenskreislauf in dem wir uns befinden und der in Manchem einen Hyperwahn ausgelöst hat. Auspressen bis zum letzten Tropfen und entsorgen, wenn die geforderte Leistung nicht mehr erbracht werden kann: genau in einer solch antihumanen Gesellschaftsform leben wir jetzt. Ein dunkles Bild, wo die schwarzen Wolken immer tiefer auf uns „herabfallen“ und uns bald keine Chance der Korrektur mehr lassen. Im Grunde kann man auch nicht noch mehr Zeit verlangen, denn der Mensch wurde lange sich selber überlassen und hat genug Chancen erhalten, sein Verhalten zu ändern.

Von nichts ist man jedoch weiter entfernt im Modell der Leistungsgesellschaft als von der Einsicht. Niemand möchte sich Fehler eingestehen, der Druck wird immer weiter erhöht, aus dem Wahn heraus, dass wir Menschen nicht existieren könnten, wenn wir nicht stetig unseren Einsatz intensivieren würden. Einem größeren Märchen kann man nicht folgen, und es ist einfach nur traurig, dass man das nicht erkennen möchte. Mit einer normalen, täglichen Arbeitsbelastung von rund 7 Stunden wäre bei richtigem Einsatz ein gesunder Ausgleich geschaffen, in dem alle Menschen gesichert und gesund leben könnten. Auch würde ein stressfreier, ruhiger und individueller Lernstil zu einem grandiosen Ergebnis führen. Vielseitigkeit wäre vorhanden, was sich auch positiv auf unsere Wirtschaft auswirken würde, ganz zu schweigen von der Lebensqualität, die man durch einen solchen Weg deutlich verbessern könnte. Auch die Gewaltreduzierung wäre ein Nebeneffekt.


Ablassen von alten Methoden, hin zu einem neuen Konzept

Um dies alles zu erreichen, muss man loslassen können von den alten Methoden der reinen Leistungsgesellschaft. Natürlich ist Leistung von Bedeutung und ein tragendes Element, aber im gesunden Maße im Einklang mit der Umwelt. Hierzu zählt auch die kreative Individualität stärker zu fördern und genau daraus dann Lösungsansätze zu konzipieren. Es ist ein langer und mit Sicherheit auch kein einfacher Weg, aber er ist nötiger als er es je war. Kinder müssen vom Klassendenken abgebracht werden. Im Grundschulalter sollte man sich hier auf das Wesentliche konzentrieren und den Ehrgeiz, den Spaß am lernen fördern. Dass es Stufen gibt, wie eine Hauptschule, eine Realschule oder ein Gymnasium, darf der jungen Generation noch nicht so sehr ins Bewusstsein gerückt werden. Unabhängig von diesen Wegen muss man Kinder wieder unterrichten. Sinnvoll wären auch kreative Schulen: keine Kunstschulen oder Musikschulen, sondern einfache Kreativschulen. Viele Menschen leben ganz verschiedene Arten der Kreativität und sind bei kontinuierlicher Förderung dazu in der Lage, auf ein allgemein sehr hohes Leistungsniveau zu kommen, ohne dabei Stress auf sich oder ihre Umwelt zu projizieren. Bei weniger Aufwand, einem ruhigeren Rhythmus und dadurch weniger körperlicher und seelischer Belastung, würde also deutlich mehr erschaffen, als es jetzt der Fall ist. Ohne viele Worte würde man Hand in Hand arbeiten können, sofort erkennen, wo man sich ergänzen kann. Man würde mehr von einander lernen, die Möglichkeiten erkennen am Wegesrand und auch neue Optionen aufbauen können. Stress und Druck reizt alte Wege aus, schädigt unserer Gesundheit und bietet keinen Nährboden für neue Entwicklungen. Mit viel weniger Aufwand ist viel mehr möglich, wenn man den Kreativitätsfaktor einbezieht.


Der Mensch besitzt eine böse Gabe: er macht Dinge unlösbar, die im Grunde ganz simpel sind!

Ihr

Joachim Sondern

Kommentare (2)

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